Mit Monstern zurück an die Weltspitze. So oder so ähnlich könnte der interne Masterplan der Hamburgischen Staatsoper übertitelt sein. International von sich reden machte das Hamburger Haus mit der Uraufführung von „Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth allemal.

Der neue Intendant Tobias Kratzer will jedes Jahr eine Uraufführung auf die Bühne bringen – ein ambitioniertes Vorhaben, für dessen Auftakt er das Duo aus der zeitgenössischen Komponistin Olga Neuwirth und der Schriftstellerin Elfriede Jelinek gewinnen konnte. Beide aus Österreich, beide hochdekoriert: Jelinek mit dem Literaturnobelpreis, Neuwirth mit dem Ernst von Siemens Musikpreis, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik. Weltweit versuchte man, das Duo nach „Bählamms Fest“ und „Lost Highway“ für eine dritte gemeinsamen Oper zu engagieren, Kratzer gelang es.

Endzeitstimmung. Fünf Bilder erzählen die Geschichte der beiden „Vampiretten“ Vampi und Bampi, die den despotischen König-Präsidenten daran hindern wollen, die Welt zu zerstören. Parallel will das Seemonster Gorgonzilla, das durch die Explosion eines Atomkraftwerks entstanden ist, zum Retter für die Menschheit werden – zwar mit guten Absichten, aber auch despotisch („So lange wie ich es befehle, darf sie [= die Welt] bestehen“). Verkleidet als Miss Piggy und Kermit wollen die Vampiretten im Weißen Haus den Trump-gleichen König-Präsidenten ermorden, was nicht nur misslingt, sondern diesen deutlich größer werden lässt. Und dann sind da noch die hörigen Adlati Mickey und Tuckey, eine Armee an Kermits, die eine Armee an Miss Piggies niedermetzelt, ein Bär und Zombies, die das Weiße Haus stürmen, während eine Göttin (Oscar-Preisträgerin Charlotte Rampling als Videoprojektion) immer wieder mahnt. Die Vampiretten werden von Gorgonzilla gerettet, der auf einer Insel haust und mit seinen Superkräften sämtliche Angriffe abwehrt. Bei einem Besuch des König-Präsidenten will dieser Gorgonzilla provozieren – aber auch das perlt ab. Zwischenspiel mit Naturkatastrophen. Als die beiden erneut aufeinandertreffen, kommt es zum Kampf der Giganten in Hochhäuser-Schluchten. Der König-Präsident wird vom Monster aufgefressen, das sich daraufhin selbst zum König krönt. Aber auch das Monster kann die Umweltkatastrophen nicht mehr aufhalten und zieht sich mit Vampi und Bampi ins Meer zurück. Klavierspielend treiben Vampi und Bampi auf einem Floß dem Sonnenuntergang entgegen – zu hören ist ein entfremdeter Schubert, während in großen Lettern „Und wenn sie nicht gestorben sind… “ das vermeintliche Happy End besiegelt.

Nahezu plakativ erzählen Neuwirth und Jelinek damit auch ihre eigene Geschichte, denn Vampi und Bampi sind Avatare der beiden. Beide doppelt besetzt, jeweils von einer Sängerin und einer Schauspielerin. Eitelkeit? Keineswegs! Vielmehr ein bitterbös bissiger Kommentar darauf, dass das jahrzehntelange Mahnen der beiden nur zu oft verhallt ist – wie bei den Vampiretten, selbst wenn sie im doppelten Doppelpack vorkommen.

Als Grand Guignol Opéra bezeichnen sie ihr Werk, groteskes Horrortheater als Oper oder „Musiktheater zum Stand der Gegenwart“, wie die Staatsoper es nennt. Das Libretto – übrigens von Jelinek und Neuwirth gemeinsam, „nach einer Idee von Olga Neuwirth“, wie es etwas sperrig heißt – überzeugt mit gewohnt pointierter Sprache, einer Unmenge an Zitaten von Shakespeare bis Karl Kraus, von Goethe bis Papst Franciscus, und es darf auch mal derb sein: „Wir sind im Arsch“ – kaum könnte man das globale Elend akkurater fassen!

„Wen verwursten wir denn heute?“ fragen Vampi und Bampi eingangs. „Alle“ müsste die Antwort lauten. Da wird eine Insel mit einem Golfschläger annektiert, da thront der König-Präsident auf einem goldenen WC, da wird Melania mit ihrem ikonischen Hut als leuchtender Lampenschirm in der Ecke abgestellt und später gegen eine anscheinend spannendere Cheerleaderin im Schneewittchen-Look ausgetauscht, da wird das Weiße Haus (nicht das Kapitol) gestürmt – Grönland, der Ballsaal im Weißen Haus, Epstein und Co. lassen grüßen. Das gesamte Werk ist ein einziger Ruf der Kassandra, denn vieles davon haben Neuwirth und Jelinek vor den realen Parallelen erdacht. Offen bleibt, ob all die konkreten Details, die die Kenntnis des realen Vorbilds voraussetzen, uns auch in zehn Jahren noch etwas erzählen, wenn der orangefarbene Despot hoffentlich längst überwunden und vergessen oder zumindest verdrängt wurde. Dann sind da noch ein Chor an Greta Thunbergs und natürlich ganz viel Feminismus (auch das „gute“ Monster ist eine Frau). Das alles ist so grotesk und überfrachtet, dass es sich kaum in Worte fassen lässt – und gleichzeitig kurzweilig und unterhaltsam. Leider hat die Realität das absurde Stück teils schon eingeholt, was ihm eine zusätzliche Drastik verleiht.

Musikalisch ist Neuwirth eine atmosphärische, teils bedrohliche Klangkulisse gelungen, die sich genial einer Vielzahl an Zitaten bedient. Shostakovich, Berg, Schubert, Mozart, Prokofiev, Strauss, Sondheim, Elvis, amerikanische Folklore, Jazz, Rock und Unmengen mehr werden genial verwoben und dekonstruiert – wie die Welt. Von „Bergvagabunden“ zu „Tanz der Ritter“. Neuwirth gelingt eine stimmige Melange aus melodischen Passagen gebrochen von disruptiven Dissonanzen. Neben klassischer Instrumentierung setzt sie dabei auf Elektronik, Soundeffekte und verfremdete Stimme, mit der das Monster singt. Für eine Oper hätte man sich mehr Gesang gewünscht und weniger Sprechtext.

Regisseur Tobias Kratzer muss mit der geballten Wucht an Ideen von Neuwirth und Jelinek umgehen. Keine leichte Voraussetzung, um eigene Akzente zu setzen, vor allem wenn das detailverliebte Libretto teilweise mit manisch-präzisen Regieanweisungen und Anspielungs-Detailverliebtheit aufwartet: „BAMPI im Pierrot-Kostüm wie Sarah Bernhardt auf dem Foto von Nadar von 1883.“ Kratzer bringt das Stück so gradlinig wie möglich auf die Bühne und widmet sich dabei wieder intensiv den Fragen nach Paradies und Erlösung (wie auch schon in „Das Paradies und die Peri“). Und wieder soll Kunst einen Ausweg bieten. Oper als Gruppentherapie fürs Publikum? Es sind diese großen Gedanken, mit denen Kratzer begeistert. „Als könnte die Kunst noch etwas retten?“, heißt es im letzten Bild. Kratzer macht auf jeden Fall Hoffnung!

Kratzer reißt aber nicht nur die vierte Wand ein, sondern geht weiter: An der Fassade der Staatsoper prangt ein gebäudegroßes Monster, im Vorfeld wurden fünf Studierende in Monsterkostümen durch die Stadt geschickt, in der Pause gibt es Akrobatik und Zombies in den Foyers. Es wirkt nahezu effekthaschend, fügt sich aber nicht unstimmig in die bewusst groteske Gesamtinszenierung. Vor dem Hintergrund, dass schon bei der Einführung von einer geschichtsträchtigen Uraufführung, über die man „in dreißig Jahren unterrichten wird“ die Rede ist, kann man eine gewisse Erfolgs-Verkrampftheit aber auch nicht übersehen. Ob das weltberühmte Schöpfungs-Duo, die Koproduktion mit dem Opernhaus Zürich und der Oper Graz oder das Engagement von Charlotte Rampling – in der Kombination erzeugen genau solche Ideen die größtmögliche Aufmerksamkeit. Mit ebendieser Inszenierung der Inszenierung gelingt Kratzer der eigentliche Coup: nicht nur Hamburg, sondern die ganze Welt spricht über die Uraufführung und sein Haus.

Von der beeindruckenden Ausstattung von Rainer Sellmaier sind die absurd-groteske Detailverliebtheit des Weißen Hauses mit viel Gold und Coca-Cola-Kühlschrank in Griffweite, das Gorgonzilla-Kostüm im Godzilla-Look, das überdimensionierte Neonschild, das zu Beginn und in der Pause den Titel verkündet, die Insel inmitten von blauen Plastikfolien und natürlich der aufblasbare Fatsuit des König-Präsidenten nur einige von vielen besonders gelungenen Elementen.

Magisch cineastisch wird es mit den Live-Videos (Raven Sieker und Bjarne Mosdzen) des großen Kampfs der beiden Tyrannen, projiziert auf einen transparenten Vorhang, hinter dem sich der Kampf abspielt. Im Stil der japanischen Suitmation, die auch bei Godzilla zum Einsatz kam, werden Einstellungen und Schnitte in Hollywood-Qualität präsentiert.

Am Pult zeigt Titus Engel, ausgewiesener Experte für neue Opern, welch präzises Klangvolumen man selbst mit dieser schwierigen Partitur aus dem Philharmonischen Staatsorchester rausholen kann – Chapeau! Das gesamte Ensemble meistert die schwierigen Partien mit präziser Stimmgewalt. Eine besondere Wucht: Georg Nigl, der den König-Präsidenten grandios abscheulich als Mischung aus kleinem Kind und größenwahnsinnigem Narzissten mit einem Feuerwerk an Mimik präsentiert und mit seinem wohligen Charakterbariton fesselt. Auch die großartige Darstellung der Vampiretten trägt den Abend: ausdrucksstark gespielt von Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld, stimmgewaltig gesungen von Sopranistin Sarah Defirse und Mezzo Kristina Stanek, die auch im Duett mit bittersüßen Harmonien mitreißen. Andrew Watts als Mickey und Eric Jurenas als Tuckey spielen die beiden Adlati mit ihren engelsgleichen Countertenor-Stimmen treffend anbiedernd und großartig unsympathisch. Gorgonzilla wird von Vanessa Konzok im Kostüm liebevoll tapsig und gleichzeitig bestimmt gespielt und von Anna Clementi – wenn nicht elektronisch verfremdet – weich und harmonisch gesungen.

Kratzer und sein Team wollen Oper zugänglicher machen – ein löbliches Vorhaben! Die Vielzahl musikalischer, literarischer, kultureller, gesellschaftlicher und politischer Referenzen, die in „Monster’s Paradise“ verarbeitet ist, offenbart sich aber nur einem erlesenen bildungsbürgerlichen Kreis, wodurch dem Stück etwas unfreiwillig Elitäres anhaftet. Da hilft selbst ein beschwichtigendes „Sie müssen nicht alles verstehen“ in der Einführung nicht. Natürlich entdeckt man auch bei Verdi, Wagner und Co. immer wieder Neues – die Grundhandlungen sind dort aber deutlich handfester, leichter verständlich und damit zugänglicher.

Auch wenn der Funke nicht vollständig überspringt – man möchte mehr davon sehen! Denn es ist erfrischend, wie das Team um Kratzer die Grenzen von Musiktheater neu auslotet. Das Premierenpublikum goutierte das mit kräftigem und anhaltendem Applaus, der mit der überhöhten Erwartungshaltung auf manche Ohren verhalten gewirkt haben mag. Wenn auch nicht der erhoffte und beschworene große Wurf, so zumindest ein monströs-großer Schritt in die richtige Richtung!

Christoph Oscar Hofbauer

„Monster’s Paradise“ (2026) // Oper von Olga Neuwirth

Infos und Termine auf der Website der Hamburgischen Staatsoper