Wenn der Chor feststellt, dass das titelgebende „Leben mit einem Idioten“ voller Überraschungen sei, klingt das noch relativ harmlos – dabei hat es Alfred Schnittkes Oper in sich. Die dem Libretto zugrundeliegende Erzählung schrieb der seit 2022 im Westen lebende Russe Wiktor Jerofejew bereits 1980 in der Sowjetunion, erscheinen konnte sie aber erst nach deren Auflösung 1991 in Russland. Verwunderlich ist das nicht bei so viel entfesselter Lust an grotesker Überzeichnung, in der Nachbarschaft von Kafkas „Prozess“ oder auch Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Bei der Amsterdamer Uraufführung 1992 trat der titelgebende Idiot in der Maske Lenins auf. Da die Figur auf den Namen Wowa hört und das die Koseform von Lenins (und ja auch Putins) Vornamen Wladimir ist, wurde das als klarer Fingerzeig aufgefasst.

In der Geschichte muss sich ein „Ich“ als Strafe in der Psychiatrie einen Idioten aussuchen und fortan mit ihm leben. Was zunächst ziemlich milde klingt und harmlos mit ein paar Ausrastern beginnt, führt bald zur Zerstörung der Wohnung und eskaliert immer mehr – vom manipulierenden Umgarnen der Frau bis zu deren Vergewaltigung. Als der Idiot sich dann auch noch dem Hausherrn mit der gleichen sexuellen Übergriffigkeit (mit Erfolg) nähert, ist die Katastrophe unvermeidlich. Die Frau stellt ihren Mann (also das „Ich“) vor die Wahl: entweder er oder ich! Wowa schneidet ihr daraufhin mit der Gartenschere den Kopf ab und „Ich“ landet am Ende selbst in der Psychiatrie.

Bei Julien Chavaz (Regie), Anneliese Neudecker (Bühne) und Severine Besson (Kostüme) ist man sich nicht sicher, ob er dort nicht schon von Anfang an zu den Insassen gehört haben könnte. Die Welt ist hier aus den Fugen, alles ein großer Zirkus der knallbunten Oberfläche. Der Groteske setzt Chavaz mit einer fantasievoll-bunten Ästhetik noch eins drauf, er verfremdet die erzählte Parabel auf der Bühne noch einmal durch die surreale Optik. Nur ein Kühlschrank, ein Fernseher und eine Stehlampe tauchen als Versatzstücke der Wirklichkeit in dieser autonomen Fantasiewelt auf: vor einem Schlund aus Kulissenhängern und manchmal von einer gerafften roten Vorhangskulptur verdeckt. Das hat für sich genommen seinen Reiz – der Nachvollziehbarkeit des Geschehens und den Assoziationsmöglichkeiten hilft das aber nicht auf die Sprünge. Man muss also unbedingt die Übertitel mitverfolgen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Paweł Popławski sorgt am Pult der Magdeburgischen Philharmonie überzeugend für Durchblick in dem Stilmix mit all seinen Zitaten und der Absicherung des Parlandos. Aus dem fabelhaften Ensemble ragen Gyula Nagy als „Ich“ und die höhensichere Alison Scherzer als dessen Frau heraus. In der Titelpartie holt Wort-Akrobat Timur aus seinem einzigen Laut „Äch!“ Erstaunliches heraus.

Roberto Becker

„Leben mit einem Idioten“ (1992) // Oper von Alfred Schnittke

Infos und Termine auf der Website des Theaters Magdeburg