Opernhaus Zürich • Scylla et Glaucus Leclairs Tragédie en musique erwacht zu neuem Leben
Es sind die seltenen Abende, an denen ein Werk nicht einfach wiederaufgeführt, sondern wirklich neu entdeckt wird. Jean-Marie Leclairs „Scylla et Glaucus“, 1746 uraufgeführt und bis heute ein Randphänomen der Operngeschichte, erscheint am Opernhaus Zürich als solches Ereignis, als Öffnung eines musikalischen Kosmos, dessen Reichtum lange im Verborgenen lag.
Den entscheidenden Anteil daran hat Emmanuelle Haïm, die mit ihrem Ensemble „Le Concert d’Astrée“ die Partitur nicht nur zum Klingen bringt, sondern sie gleichsam von innen heraus erschließt. Mit einer Mischung aus Präzision, Elastizität und feinem Gespür für dramatische Verläufe entfaltet sie eine Musik, die zwischen französischer Noblesse und italienischer Expressivität oszilliert. Was dabei entsteht, ist kein musealer Barockklang, sondern ein atmendes, vibrierendes Gefüge, das den Abend trägt und formt. Haïm erweist sich als souveräne Führerin durch unbekanntes Terrain und macht diese Oper so zu einer echten musikalischen Entdeckung.
Claus Guth verlegt die Handlung in ein Internat und trifft damit einen Nerv der Vorlage, den eine rein mythologische Lesart leicht verdecken würde. Hier wird Begehren nicht illustriert, sondern als Störung einer Ordnung sichtbar, die auf Disziplin und Kontrolle beruht. Die Räume, wie das Klassenzimmer, die Sporthalle und die Bibliothek, sind keine bloße Aktualisierung, sondern strukturieren die Beziehungen neu. Entscheidender als die Idee ist jedoch ihre Umsetzung: Die Inszenierung entwickelt eine innere Logik, in der Musik und Szene untrennbar ineinandergreifen. Nichts bleibt Behauptung; jede Geste scheint aus der musikalischen Bewegung hervorgebracht.
In diesem Gefüge gewinnen auch die Stimmen Profil. Anthony Gregory gibt Glaucus eine eindringliche, nie forcierte Dringlichkeit. Elsa Benoit gestaltet Scylla zunächst mit einer fast irritierenden Zurücknahme, die im Vergleich zum Umfeld an Grenzen stößt. Ein Eindruck, der sich jedoch auch als Teil der Figur lesen lassen kann: als Zeichen einer noch ungefestigten, sich entziehenden Jugendlichkeit. Dass sich diese vokale Fragilität im Verlauf des Abends in eine größere Präsenz verwandelt, verleiht der Figur eine glaubhafte Entwicklungslinie. Chiara Skerath hingegen bündelt als Circé die Kräfte des Abends: Autorität, Verführung, Kränkung und zerstörerische Rachsucht verdichten sich in einer Interpretation von bemerkenswerter stimmlicher und darstellerischer Reife.
So entsteht eine Aufführung, in der sich musikalische Durchdringung und szenische Intelligenz nicht addieren, sondern gegenseitig hervorbringen. Und gerade hierin offenbart sich die eigentliche Einzigartigkeit des Abends.
Eugenia Hoffmann
„Scylla et Glaucus“ (1746) // Tragédie en musique von Jean-Marie Leclair
