Daniel Cohen zeigt sich begeistert über seinen Fund im Darmstädter Staatsarchiv: Der große Felix Weingartner war einer seiner Vorgänger als Generalmusikdirektor und hatte zum Amtsantritt 1914 einen selbstkomponierten Einakter aufgeführt: „Kain und Abel“. Das sei eine „wirklich gute Partitur“, die „eine physische Präsenz“ habe. Nun erklingt sie zum ersten Mal wieder am Ort der Uraufführung. Die Instrumentierung ist reichhaltig und farbig. Das blendend aufgelegte Orchester realisiert sie mit schwelgenden Streichern, delikaten Holzbläsern und knackigem Blech. Das erinnert oft an Richard Wagner, besonders deutlich bei einem langen Liebesduett am Ende, das sein Vorbild im zweiten „Tristan“-Aufzug hat, ohne dessen Meisterschaft bei der Erfindung prägnanter Motive auch nur annähernd zu erreichen.

Genießen kann man das gleichwohl, da starke Stimmen aufgeboten werden: Katrin Gerstenberger ist eine Eva mit hochdramatischem Material, das sie zur differenzierten Gestaltung nutzt. An ihrer Seite gibt Joel Allison den Adam mit kernigem, rundem Bariton. Heiko Börner bringt für den Abel Tristan-Format mit, während David Pichlmaier seinem schlanken Bariton für Kain angemessene Schärfen beimischt. Mit blühendem Sopran empfiehlt sich Megan Marie Hart als Ada für das jugendlich-dramatische Fach.

Die Handlung weicht von der Bibel ab: Adam hat mit seiner ersten Frau Lilith im Paradies Ada und Abel gezeugt, nach der Vertreibung dann mit Eva den zweiten Sohn Kain. Kain hat Ada mit Gewalt zur Frau genommen. Es entspinnt sich aber eine Liebesbeziehung zwischen den Geschwistern Ada und Abel, worauf Kain seinen Halbbruder erschlägt. Regisseur Kerem Hillel zeigt dies als vergangene Geschichte mit Bildern auf zwei aus dem Schnürboden herabgelassenen Monitoren. In ein anfängliches Familienidyll bricht dort die Katastrophe herein: Der eine Junge liegt mit einer Wunde am Kopf tot am Boden, der andere muss getröstet werden. Die gealterten Protagonisten haben dazu in einem schmucklosen, schwarzen Raum auf Stühlen Platz genommen und rekapitulieren das Geschehen. Eine gewisse Statik ist dabei dem Stück immanent, in dem viel geredet und wenig gehandelt wird.

Den Trost der Vergebung sucht die sich daran anschließende Vertonung des 130. Psalms von Lili Boulanger: „Du fond de l’abîme“ („Aus der Tiefe“). Zur selben Zeit entstanden wie Weingartners Oper, zeigt sich ein völlig anderes, von Debussy beeinflusstes Klangbild mit einem dunkel brodelnden Mischklang. Auch diesen trifft Daniel Cohen mit seinem Orchester und dem klangsatt singenden Chor auf den Punkt. Die Regie bewegt die schwarz gekleideten Chorsänger als sparsam auf dunkler Bühne angeleuchtetes Schwarmwesen langsam zum vorderen Bühnenrand. Rituelle Gesten bleiben geheimnisvoll. Katrin Gerstenberger verknüpft in einem Altsolo die beiden Teile. Sie zeigt dem Kollektiv einen Ausweg, der sich als Spalt in der Rückfront auftut, aus dem helles Licht dringt: Erlösung ist möglich. Zwar deklassiert der Boulanger-Annex die kompositorische Qualität der Darmstädter Ausgrabung, verhilft ihr jedoch zu einer zwar ungewöhnlichen, aber überzeugenden Abrundung.

Dr. Michael Demel

„Kain und Abel“ (1914) // Oper von Felix Weingartner
„Du fond de l’abîme“ („Aus der Tiefe“) (entstanden 1914-17; Uraufführung 1923 posthum) // Psalm von Lili Boulanger

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Darmstadt