Royal Opera House (London) • Siegfried Viele Schmunzler und ein starkes Ensemble für Wagners „Siegfried“
Siegfried ist ein lustiger Kerl! Im Neudeutungs-Nirvana oder der Orchester-Opulenz etlicher neuer Produktionen von Wagners „Ring“-Tetralogie war das ein bisschen verloren gegangen. Barrie Kosky aber gibt seinen Affen Zucker und lässt Andreas Schager in der Titelpartie mehrfach „Boah!“ ausrufen, in die Generalpause hinein, versieht die Schlusstakte der drei Aufzüge mit applaustreibendem Feuerwerkchen und herzigem Slapstick, oder sorgt mit in toller Personenregie gefertigter Situationskomik für viele Schmunzler. Das Publikum im Royal Opera House in Covent Garden dankt es ihm mit heftigem Applaus.
Zur Ovation wird dieser aber erst, als der Vorhang sich nochmal öffnet und Dirigent Antonio Pappano und sein Orchester auf der Bühne stehen. Die Musikerinnen und Musiker sind es nämlich, die diesen dank üppiger Dinnerpause fast sechs Stunden dauernden „Siegfried“ zusammenhalten: Pappano spornt seine makellosen Streicher, seine präzisen Blechbläser und konzentrierten Holzbläsersolisten zu Höchstleistungen an; er ist sich mit Kosky darin einig, dass der dritte Abend des „Rings“ eindeutig den Part der Komödie übernimmt. Kammermusikalisch und biegsam begleitet er die Sängerinnen und Sänger, nimmt die Tempi gerne etwas rasch, ohne dabei jemals den richtigen Atem oder die Liebe zum Detail zu verlieren.
Dabei kann er sich auf sein Ensemble verlassen: Andreas Schagers Siegfried ist ein zupackender Kerl, der sein Naturburschentum nach Herzenslust ausstellen kann, auf der schiefen Baba-Yaga-Hütte des ersten Aufzuges, im Dauerschnee unter der Straßenlaterne des zweiten und der hübsch kitschigen Alpenblumenwiese des Schlussaktes, an dem auch die gute alte Esche aus den ersten beiden „Ring“-Teilen wieder erscheint (Bühne: Rufus Disdwiszus). Schager hat inzwischen sogar viele Zwischentöne gefunden, singt und spielt viel differenzierter als noch vor ein paar Jahren.
Seine ständig wechselnden Gesprächspartner sind ihm da ebenbürtig: Peter Hoare gibt einen urkomischen, bestens verständlichen und tenor-souveränen Mime, Christopher Maltman beweist als gefühls- und baritonmächtiger Wotan alias „Der Wanderer“ einmal mehr, dass er in dieser Rolle zur Weltspitze gehört. Mit dem wunderbaren Christopher Purves liefert er sich zu Beginn des zweiten Aufzuges ein herrliches „Rentnergefecht“ der beiden seit dem Ring-Raub im „Rheingold“ innigen Feinde. Auch mit Wiebke Lehmkuhl als Erda mit samtgoldener Stimme gibt es ein Wiedersehen und -hören. Als Siegfried mit Hilfe des Waldvogels (der hier als Stimme der Natur von der Figur Erda gespielt wird, die über fast den ganzen Abend nackt das Geschehen beobachtet) den „Brünnhildenfelsen“ erreicht (der die Optik der besagten Blumenwiese hat), wartet mit Elisabeth Strid eine formidable Brünnhilde auf ihn.
Barrie Kosky scheinen derweil bei allem Witz und allen Ideen ein bisschen die Visionen der beiden ersten Abende ausgegangen zu sein: Das Ringelreihn auf der Alm der beiden Neu-Liebenden ist zweifellos hübsch, aber ideenlos; das Feuer, durch das Siegfried zur Walküre hochsteigen muss, wird szenisch komplett ausgespart; und Fafner, dem Solomon Howard durchaus eindrucksvoll die Stimme leiht, muss als lächerlicher Goldpopanz ohne jeden Schrecken herumlaufen. Aber das Beste hat sich Kosky nach starkem Beginn seines „Rings“ sicher für die finale „Götterdämmerung“ aufgespart.
Stephan Knies
„Siegfried“ (1876) // Zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
