Oper Leipzig • Regina Lortzings „Regina“ rückt an die Gegenwart heran
Selbstmordattentäter laufen in eine Sackgasse aus Hass und Radikalisierung. Eine tödliche Mission, die auch andere Leben auslöscht. Stephan beschreitet diesen Pfad bis zum Exzess. Er lässt den Besitz seines Chefs niederbrennen, entführt die Tochter, will sich samt Geisel liquidieren. In letzter Sekunde kommt ihm die junge Frau zuvor. Sie erschießt den Täter. Albert Lortzings letztes großes Bühnenwerk „Regina“ changiert zwischen Liebe und Revolution. Im Rahmen des Festivals „Lortzing 26“ zeigt die Oper Leipzig das selten gespielte Stück zum 225. Geburtstag des Komponisten.
Politisch aufgeladen ist die Atmosphäre von Anbeginn: Die Belegschaft von Simons Firma streikt, lässt sich aber besänftigen. Zur Belohnung gibt es Schampus und Häppchen, dazu die Verlobung von Tochter Regina mit Geschäftsführer in spe Robert. In die Feier platzt Nebenbuhler Stephan, der mit Freischärlern das Feuer legt. Regisseur Bernd Mottl verfasste neue Dialoge, akzentuiert die Geschichte, rückt sie in unruhige Zeiten der Gegenwart. Das liegt eng bei Lortzing, denn der erlebte damals die Revolte von 1848. In der Inszenierung geht es um Verteilungskampf und bürgerliche Emanzipation. Davon künden Protestpostulate. Diese Interpretation funktioniert glaubwürdig, gestützt durch Alfred Mayerhofers heutiges Outfit und das Bühnenbild von Friedrich Eggert. Am Ende feiert das Volk den Sieg und die frisch gewonnene Freiheit. In den Jubel fährt eine riesige Rakete – und schon bricht der blutige Zwist erneut aus. Regina schleicht sich aus der verstörenden Situation.
Mit dem Werk verabschiedet sich Albert Lortzing vom vertrauten Terrain der Spieloper. Der Ton wird rauer, martialischer, atmet Aufruhr und entflammte Gemüter. Unter souveräner Leitung von Constantin Trinks meißelt das prächtig disponierte Gewandhausorchester die Klangfarben vorzüglich heraus, vermeidet Schwülstigkeit und tosenden Donnerhall; dafür sind bestechende Transparenz und feinste Differenzierung garantiert.
Bernd Mottls ausgeklügelt intelligente, nie überdrehte, vor allem in den Massenszenen brillante Regie nimmt das Ensemble bestens mit: Oliver Weidinger als Simon, der Richard von Andreas Hermann, Dan Karlström als Kilian, Nora Lentners Beate, Marian Müller (Wolfgang) sowie Marie-Luise Dreßen (Barbara) agieren als verlässlich solide Stützen, Jacquelyn Wagner in der Titelrolle und Mathias Hausmann als Stephan bringen stimmlichen Hochglanz und große Emotionen in die Produktion. Eine Rarität, unbedingt für weitere Auseinandersetzungen zu empfehlen. Das Publikum reagiert zustimmend mit Bravos und starkem Applaus.
Jürgen Rickert
„Regina“ (entstanden 1848; Uraufführung 1899 posthum) // Oper von Albert Lortzing
