In der zwischenmenschlichen Kommunikation ist es nicht immer so leicht, die richtigen Worte zu finden. Das ist aktuell auch so manchem Staatsoberhaupt anzumerken. Wobei dieser Berufszweig sich nach (un-)gewollt provokanten Aussagen gerne mal missverstanden fühlt und die Schuld eher bei den wehleidigen Adressaten sucht. Vielleicht ist es da manchmal wirklich besser, sich gleich ganz rauszuhalten und Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen. So wie dies etwa Bartleby, der Titelheld aus der gleichnamigen Erzählung von Robert Melville, tut, von dem sich Komponist Benoît Mernier zu seiner jüngsten Oper inspirieren ließ.

Tatsächlich muss man sich bei der umjubelten Uraufführung an der Opéra Royal de Wallonie-Liège immer wieder selbst daran erinnern, dass Melville die skurrile Geschichte bereits 1853 veröffentlichte. Die nüchterne Antwort „I would prefer not to“ ist alles, was seine Büro-Kollegen von ihm zu hören bekommen, wenn sie ihn um etwas bitten. Und selbst der Chefin der Anwaltskanzlei geht es da nicht anders. Los werden sie den Arbeitsverweigerer, der sich selbst immer mehr isoliert, dennoch nicht. Als er sich dann noch standhaft weigert, das Gebäude zu verlassen, muss letztlich die Kanzlei das Büro räumen und ihm das Feld überlassen.

Diesen Bartleby zum Protagonisten einer Oper zu machen, schien im Vorfeld der Premiere durchaus ein gewagtes Unterfangen. Erinnert er doch schwer an Wagner reinen Toren Parsifal, der in dem nach ihm benannten Bühnenweihfestspiel ebenfalls die meiste Zeit damit verbringt, anderen zuzuhören. Erst in der beklemmenden Schluss-Szene erhält Bartleby endlich einen großen dramatischen Monolog, in dem Edward Nelson alle Facetten seines geschmeidigen Baritons ausspielen kann und gleichzeitig mit seiner geschliffenen Textgestaltung fesselt.

Als ehemaliger Kommunikationsberater und Redenschreiber von Emmanuel Macron versteht sich Librettist Sylvain Fort auf eine politisch korrekte und manchmal auch absurde (Amts-)Sprache, die Melville alle Ehre macht. Aber auch die versteckte Poesie der Vorlage wird von ihm überaus geschickt in schnell getaktete Bühnendialoge übersetzt. Womit er und Mernier auch Patrizia Ciofi als nervös aufgekratzter Chefin eine überaus dankbare Rolle auf den Leib geschneidert haben. Es macht eine diebische Freude, dabei zuzusehen, wie ihr in der bildstarken Inszenierung von Vincent Boussard immer mehr das Ruder aus der Hand gleitet, flankiert von den skurrilen Slapstick-Einlagen ihrer Angestellten (Damien Pass, Santiago Bürgi und Gustave Harmegnies).

Mernier kleidet seinen Einakter dazu in eine eingängige Tonsprache, die selbstbewusst das Erbe von Ravel und Debussy aufgreift, aber durch teils jazzige Rhythmen ebenso an Francis Poulenc denken lässt. Da ist es nur umso logischer, den Abend durch dessen packendes Mono-Drama „La voix humaine“ abzurunden. Auch in diesem Stück geht es um einen recht einseitigen Dialog, wobei Regisseur Boussard mit einem interessanten Twist aufwartet: Die Protagonistin verarbeitet ihre unfreiwillige Trennung hier nämlich nicht am Telefon, sondern erwacht neben dem leblosen Körper ihres Geliebten. Wie und warum er ums Leben kam, bleibt bis zum Schluss offen. Denn die phänomenale Anna Caterina Antonacci vollführt einen hoch emotionalen Balanceakt, bei dem Wut und Verzweiflung mit bedingungsloser Liebe Hand in Hand gehen.

Dass sie bei ihrer einsamen Traumabewältigung immer wieder mit zarten stimmlichen Nuancen spielen kann, geht allerdings zu gleichen Teilen auf das Konto von Karen Kamensek, die das Orchester transparent aufzufächern versteht. Der Dirigentin gelingt die Gratwanderung, einerseits Brücken zwischen den Klangwelten von Mernier und Poulenc zu schlagen, gleichzeitig aber beiden Partituren genügend Raum zu geben, um ihre individuellen Stärken herauszuarbeiten.

Mit rund 90 Minuten Spieldauer könnte „Bartleby“ zwar durchaus auch für sich stehen. Aber gemeinsam ist man eben doch gleich etwas weniger einsam.

Tobias Hell

„Bartleby“ (2026) // Oper von Benoît Mernier (Musik) und Sylvain Fort (Libretto)
„La voix humaine“ („Die menschliche Stimme“) (1959) // Monooper von Francis Poulenc (Musik) und Jean Cocteau (Libretto)

Infos und Termine auf der Website der Opéra Royal de Wallonie-Liège