Das Amphitheater von Epidauros ist ein geschichtsträchtiger Ort, dessen Aura man sich nur schwer entziehen kann. Bereits der Fußweg, der vom Parkplatz des angeschlossenen Museums durch Kiefern und Pinien bergauf führt, ist hier Teil des Erlebnisses. Ehe sich dann plötzlich das monumentale steinerne Rund vor einem auftut, das rund 10.000 Menschen Platz bietet. Erbaut im 4. Jahrhundert vor Christus, wird das beeindruckende Bauwerk bis heute für Aufführungen genutzt und ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern eine faszinierende Zeitreise. Und dies in der laufenden Festival-Saison gleich in mehrfacher Hinsicht, denn die Griechische Nationaloper hat sich diesmal etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Fast auf den Tag genau 65 Jahre nach dem Epidauros-Gastspiel von Maria Callas ist noch einmal jene Inszenierung von Cherubinis „Medea“ zu erleben, die man hier einst für die mythisch verklärte Diva realisiert hatte.

Eine gewissenhafte Rekonstruktion, angefangen bei den Originalkulissen von 1961, über die detailgenau nachgeschneiderten Kostüme, bis hin zum Regiebuch der 1990 verstorbenen Theater-Legende Alexis Minotis. Dessen Inszenierung wurde nun von Panaghis Pagoulatos neu einstudiert, der dank ausgefeilter Personenführung dafür sorgt, dass sich das Publikum keineswegs wie in einem verstaubten Museum fühlen muss, sondern eine überaus lebendige Aufführung erlebt. Einen Abend, der nicht nur bei den spektakulären Massenaufmärschen staunen lässt, sondern dank einer exzellenten Solistenriege auch in den intimen Momenten nie an Spannung verliert.

Natürlich lebt die Aufführung nicht zuletzt auch von der Magie des Ortes – liegt Epidauros doch nur einen sprichwörtlichen Steinwurf von Korinth, dem Schauplatz des originalen Mythos, entfernt. Und natürlich ist es gerade für die Opernneulinge im erfreulich bunt gemischten Publikum auch ein medienwirksam aufgebauschtes Event, bei dem der Schatten der Callas allgegenwärtig ist. Bei einer liebevoll kuratierten Ausstellung rund um das Theater. Auf den Fotos im nostalgisch bebilderten Programmheft. Auf T-Shirts, Stofftaschen, Fächern, Bleistiften und zahlreichen anderen Merchandising-Artikeln, die hier reißenden Absatz finden. Denn selbst knappe fünf Jahrzehnte nach dem Tod der legendären Diva zündet die Marke Callas noch immer.

Dies ist zweifellos auch Anna Pirozzi bewusst. Sie hatte im Athener Stammhaus der Kompagnie bereits 2023 (zum 100. Geburtstag der Callas) die Medea verkörpert und zeigt nun ein noch einmal weiter verfeinertes Portrait. Pirozzi verfügt über eine der aktuell wohl besten Stimmen im dramatischen italienischen Fach, denn trotz zahlreicher Einsätze als Turandot, Abigaille oder Lady Macbeth hat sich ihr farbenreicher Sopran nach wie vor die nötige Geschmeidigkeit für die zarten Momente in Cherubinis Partitur bewahrt. Und so ist diese Medea keineswegs nur die von Rache getrieben Furie, sondern vor allem eine zutiefst verletzte Frau, deren Gefühle für Jason ebenso echt sind wie die Liebe zu ihren Kindern. Ähnlich enthusiastisch gefeiert wird beim Schlussapplaus aber auch Alisa Kolosova als Medeas Dienerin Neris. Sie führt in ihrer großen melancholischen Arie einen intensiven Dialog mit dem virtuos aufspielenden Solofagott und wertet ihre Figur mit glutvollem Mezzo zu einer weiteren Hauptrolle auf.

Als Giasone begegnet diesen beiden starken Frauen mit Jean-François Borras ein Held, der selbst in dieser italienisch gesungenen Aufführung stets mit französischer Noblesse agiert. Doch auch er behauptet sich ebenso tapfer wie Danae Kontora als eher leicht besetzte Nebenbuhlerin Glauce und Lokalmatador Tassis Christoyannis, der dem König Creon mit samtigem Bass autoritäres Format verleiht. Kleinere Abstriche gilt es lediglich bei Dirigent Jacques Lacombe zu machen, der sich mit dem Orchester der Nationaloper erst auf das Open-Air-Feeling einschwingen muss. Aber spätestens mit Medeas Auftritt lässt auch er sich aus der Reserve locken und bringt im tragischen Finale die antiken Mauern zum Beben.

Tobias Hell

„Médée“ („Medea“) (1797) // Opéra-comique von Luigi Cherubini in der italienischen Fassung