Musikfestspiele Potsdam Sanssouci • Cefalo e Procride Emotionales Chaos in Bononcinis Pastorale
Das Motto der Musikfestspiele Potsdam 2026 lautet „Licht“. Auch die diesjährige Opernproduktion, Giovanni Bononcinis Einakter „Cefalo e Procride“, greift dieses Thema auf, mit Bezug zur römischen Mythologie: Aurora, die Göttin der Morgenröte, und Sonnengott Titone ziehen die Strippen im Liebeschaos zwischen den Eheleuten Cefalo und Procride. Das aber hat Aurora selbst verschuldet, als sie Cefalo zum Geliebten nahm. Nun ist sie eifersüchtig, weil er zurück zu seiner Frau will. Deshalb zwingt sie ihn zu einem Treuetest, bei dem er Procride als Schäfer verkleidet umwerben soll. Daraus ergibt sich ein emotionales Durcheinander, das abrupt endet, als Procride versehentlich durch einen Pfeil Cefalos stirbt. Doch Titone bringt alles wieder ins Lot, erweckt die Tote und eint das Paar.
Das Stück, das Königin Sophie Charlotte 1702 am Berliner Hof uraufführen ließ, wird in der ideal passenden Pflanzenhalle des Orangerieschlosses Sanssouci gespielt. Michiel Dijkema, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, belebt den schlichten Stoff mit Gespür für Atmosphäre und Ironie. Seine so geistreiche wie ästhetische Inszenierung führt in eine bukolische Welt. Der langgestreckte Raum ist in eine idyllische Landschaft verwandelt, mittig befindet sich eine quadratische, von Rasen bewachsene offene Spielfläche, in der die Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin eingepfercht sitzen. Nur ihre Häupter ragen heraus, bedeckt von Schafsfell-Teilen. An beiden Seiten sprießen Gräser und Büsche. Darin verweilt ein als Hirtenpaar verkleidetes Flötenduo, gegenüber verbirgt sich eine Waldnymphe, auch ein Lämmchen tollt herum. Nur der über allem schwebende Käfig, in dem Cefalo anfangs gefangen ist, erinnert an die Beziehungskonflikte. Sonst strahlt die Natur Harmonie aus, die Figuren in den stimmigen Kostümen von Jula Reindell sind noch in Einklang mit ihr.
Diese „Pastorale Bagatelle“, wie Königin Sophie einst die Oper bezeichnete, ist musikalisch keine Kleinigkeit. Bononcinis Komposition wird dominiert von empfindsamen, meist unverzierten Melodien, deren Affekte zwischen Liebesklagen und -freuden wechseln. Zu den Höhepunkten gehört ein Duett, in dem die beiden Flöten in einen berückenden Dialog mit dem Paar treten. Überhaupt umschmeicheln die Instrumentalisten unter der Leitung von Bernhard Forck die Solistinnen und Solisten in jeder Hinsicht.
Jiayu Jin bezaubert als Procride mit einem Sopran von klarster, innigster Reinheit, Yuriy Mynenko lässt seinen Countertenor balsamisch strömen, nur verwundern die Registerbrüche in der tiefen Lage. Chloë Morgan singt eine herrlich zickige Aurora und bindet das Publikum immer wieder augenzwinkernd in ihr Spiel ein. Jonathan Eyers als autoritärer Titone und Anita Rosati als wendige Waldnymphe komplettieren das wunderbare Vokalensemble. In seiner letzten Arie stöhnt Cefalo über die Hitze. Das Publikum stimmt ihm schmunzelnd zu, bevor es am Ende in Riesenjubel ausbricht.
Karin Coper
„Cefalo e Procride“ (1702) // Pastorale von Giovanni Bononcini
