Richard Wagners „Tannhäuser“ lebt von scharf gezeichneten Gegensätzen: sinnliche Verführung und geistige Reinheit, Venusberg und Wartburg, ekstatische Entgrenzung und gesellschaftliche Ordnung. Thorleifur Örn Arnarsson interessiert sich in seiner Zürcher Neuinszenierung jedoch weniger für diese Polaritäten als für einen Menschen, der zwischen ihnen gefangen bleibt. Sein Tannhäuser ist ein Suchender, vielleicht mehr noch ein Irrender, der zwischen Venus und Elisabeth, Begehren und Erlösung hin- und hergerissen bleibt.

Arnarsson entwickelt daraus keine psychologische Fallstudie. Zwar liefert das Programmheft zahlreiche Deutungsangebote, doch die Inszenierung widersteht der Versuchung, ihre Figuren zu erklären. Stattdessen schafft sie Bilder, die sich einer eindeutigen Lesart entziehen und gerade daraus ihre Wirkung entfalten. Erna Mists Bühnenbild findet dafür eindrucksvolle Formen zwischen schwarzer Leere, blendendem Weiß und goldenen Begrenzungen – Räume, die weit mehr innere Zustände als konkrete Orte sichtbar machen.

Am eindrücklichsten zeigt sich dies in der Figur Elisabeths. Zu Beginn erscheint sie als Statue, als Idealbild, als Projektionsfläche. Im Verlauf des Abends wird aus dem Idealbild eine Frau aus Fleisch und Blut, bevor sie sich nach Tannhäusers erneutem Verrat Schicht um Schicht wieder zur Statue formt. Christina Nilsson gestaltet diese Entwicklung mit leuchtendem Sopran, großer Textverständlichkeit und berührender Präsenz. In einem insgesamt starken Ensemble erweist sie sich als die eigentliche Entdeckung des Abends. Obwohl die Inszenierung Tannhäusers Innenwelt ins Zentrum rücken will, wird Elisabeth zur emotionalen Mitte der Aufführung.

Auch musikalisch überzeugt die Premiere. Der Chor der Oper Zürich wird zu einem der heimlichen Protagonisten des Abends und sorgt immer wieder für jene Gänsehautmomente, die großes Musiktheater ausmachen. Besonders im Finale des zweiten Aktes, wenn sich die Gemeinschaft gegen Tannhäuser wendet und ihn auf den Weg nach Rom schickt, verbinden sich Szene, Chor und Musik zu einem überwältigenden Opernmoment. Tugan Sokhiev hält dabei die Kräfte auf der Bühne souverän zusammen. Sein Dirigat setzt weniger auf Monumentalität als auf einen geschmeidigen musikalischen Fluss, der das Geschehen trägt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Eric Cutler meistert sein Rollendebüt als Tannhäuser mit großer Ausdauer und gestalterischer Intensität. Christian Gerhaher verleiht Wolfram jene künstlerische Selbstverständlichkeit und vokale Souveränität, die nur große Sänger besitzen.

Wenn Tannhäuser am Ende die Statue Elisabeths mit einem riesigen Hammer zerschlägt, kulminiert die Ambivalenz dieses Abends in einem ebenso starken wie rätselhaften Bild. Zerbricht hier ein Ideal? Eine Illusion? Oder nur die letzte Projektion eines Menschen, der nirgendwo ankommt? Arnarsson beantwortet diese Frage nicht. Gerade darin liegt die Qualität dieser bemerkenswerten Premiere: Sie hinterlässt keine Gewissheiten, sondern ein Echo, das weit über den Schlussapplaus hinausreicht. 

Eugenia Hoffmann

„Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ (1845) // Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Opernhauses Zürich