Semperoper Dresden • As One Der internationale Erfolgszug von „As One“ setzt sich fort
Die 70-Minuten-Oper „As One“ von Laura Kaminsky – Komponistin mit Vorliebe für soziale Themen – ging bereits mit über 65 Inszenierungen um die Welt. Das Textbuch über die Entdeckung einer Transidentität und deren glückende Selbstakzeptanz verarbeitet Motive aus der Biografie von Co-Librettistin Kimberly Reeds und wurde vom erfahrenen Mark Campbell perfektioniert, der auch den Text zu Paul Moravecs derzeit in Regensburg und Stralsund zu erlebender Stephen-King-Oper „The Shining“ verfasste. Erst kam die Erkenntnis, dass es Abweichungen vom heteronormativen Mainstream gibt. In einer zweiten Bewegung folgt der Kampf um Anerkennung und dann die Frage nach der Befindlichkeit in den thematisierten Identitäten und deren fragilen sozialen Rollen. Desto wichtiger ist die Auseinandersetzung mit der Thematik, weil erst 2022 die Weltgesundheitsorganisation Transidentität offiziell aus dem ICD-Katalog der psychischen Krankheiten gestrichen hatte.
Die „junge“ Hannah ist der Bariton Gabriel Rollinson, die „ältere“ die Mezzosopranistin Dominika Škrabalová. Das Streichquartett hat im Semper Zwei neben dem Spielquadrat mit den weißen Vorhängen (Bühne: Fabian Wendling) zwei Sitzpositionen und wandert im weiten dunklen Raum. Kaminsky komponierte eine „Oper der Mitte“. Auffälligste Solostimme der Instrumentation ist die Viola als Tonlagen-Schmelzpunkt zwischen dem dunkel-virilen Cello und der sopranig-femininen Violine. Erst bei Hannahs Erleben eines trans*-feindlichen Übergriffs bäumen sich die Klänge auf.
Kaminskys Oper zeigt das Ringen einer duplizierten Figur mit sich selbst. Dieses wird in den ersten 50 Minuten nur deshalb nicht wild, weil die als Schüler Blusen unter Jacke tragende Hannah und die neue frauliche Hannah nicht in Streit miteinander liegen. Sie sind psychisch und emotional miteinander verflochten. Projizierte Schriftzüge (Video: Clemens Walter) belegen durch die Nähe zu den Mitmenschen die Entwicklung, die Selbstverständigung Hannahs und das Wachstum ihrer Persönlichkeit. Weich fließende Kleidung haben sie: die männliche Seite deutliches Weiß, die frauliche Seite tiefes Lila (Kostüme: Judith Philipp). Alle – auch das Streichquartett und die emphatisch agierende Dirigentin Naomi Shamban – tragen rote Haare.
Diese Persönlichkeitsentwicklung steht am Rande der Gesellschaft und bildet in sich dabei einen ganz eigenen Erlebniskosmos. Ein Holztisch und erlesene wenige Requisiten stehen auf der Bühne, die graue raue Welt draußen ist also weggeblendet. In dieser Sphäre ist die raumgreifende Entwicklung sich selbst genug – wie in einer alten Oper, wenn Emotionen gegenüber krassen Widerständen sich ihre eigene Welt generieren. Auch Hannah kann sich nach den ersten Versuchen bei Flirts in der neuen Frauenposition nicht sicher fühlen und erlebt Konfrontationen. Das ist die leider nur zu deutliche Außenseite dieses affirmativen Aufklärungsraums.
Roland H. Dippel
„As One“ (2014) // Kammeroper von Laura Kaminsky
