Opernfestspiele Heidenheim • Macbeth Ein „Theater im Theater“-Ereignis mit einer ideal besetzten Titelpartie
Kaum jemand wird sich wundern, dass das auf den frühen Verdi spezialisierte Heidenheimer Opern-Kompetenzteam um seinen Festspielintendanten und Musikalischen Leiter Marcus Bosch der Urfassung von Verdis „Macbeth“ den Vorzug gibt. 1847 in Florenz uraufgeführt, benennt Bosch sie im Programmheft als „fast schon explosiv“. Diese theoretische Einschätzung bestätigt er in der Praxis vom Pult aus mit der instrumental nicht minder explosiven Cappella Aquileia, einem hochkarätigen Solistenensemble, in dem Leah Gordon souverän die eiskalt berechnende Aura ihrer Lady Macbeth spiegelt und Don Lee als verwundbarer Banco auffällt, sowie dem verhext starken (Frauen)-Chor aus Brünn auf eindrückliche Weise.
Der mutige, dramatisch scharf gestellte Verdi und damit die erste Version (1865 von der Pariser Fassung abgelöst) seiner düsteren Shakespeare-Oper wird im ausverkauften Heidenheimer Kongresszentrum zum spannungsintensiven, umjubelten Theater im Theater. Dank seiner Partitur, aus der heraus sich konsequent und mit teils doppelbödigem Rumoren die tragische Handlung formt, mit seiner szenischen Klarheit und nicht zuletzt mit der überragend besetzten Titelpartie lässt dieser Premierenabend den Puls des Publikums bald höherschlagen.
Trotz reichlich Mord und Totschlag, die Mittel zum Zweck des Aufstiegs sind, erzählt diese Oper nicht von Monstern, sondern von toxisch ambitionierten Menschen. Die finden sich, wie Regisseur und Ausstatter Andreas Baesler weiß, gar nicht selten (auch) in echten Theatern. Sein Regiekonzept baut nicht zuletzt auf das ikonische Shakespeare-Zitat „Die ganze Welt ist Bühne …“ und verlegt das Schicksal des schottischen Feldherrn Macbeth und seiner selbstbewussten Lady in die Welt eines heutigen Theaterbetriebs. Als muntere Hexen mit ihren rätselhaft-geheimnisvollen Prognosen stehen Bühnenarbeiterinnen parat und Putzfrauen mit ihren tanzenden Besen zur Stelle, der finale Wald von Birnam lässt sich auch mit einer Notenpult-Reihe bilden, Garderobe und Probebühnen fungieren als Schlossareal. Im Theater reüssieren Künstler, die die Macht der Inszenierung in Anspruch nehmen, die sich von der ihnen angetragene Rolle verführen und für Erfolge feiern lassen. Auch Versagensängste, Blamagen, Konkurrenz sind im Bühnenmetier keine Fremdworte.
Wie schlüssig, welch weise Entscheidung, diesen Heidenheimer Künstler-Macbeth dem Wiener Bariton Thomas Weinhappel und damit einem schlichtweg sensationellen Sänger-Interpreten anzuvertrauen! Nicht allein stimmlich facettenreich und brillant verkörpert er die tödlich endende emotionale Gratwanderung dieses Nicht-Helden mit wunderbar natürlicher, darstellerisch ausgefeilter Präsenz. Weinhappel schlüpft in die Rolle, in die Seele eines Mannes, der gegen seine Intuition handelt, sein Gewissen über Bord wirft und von der Managerin an seiner Seite eher schlecht beraten, von der Ambition und der höheren Position überwältigt wird. Macbeth geht über Leichen und wird vom Wahnsinn gepeinigt, als diese sich ihm als Geister zeigen und ihn mit seinen Missetaten konfrontieren. Gerne würde man diesem großartigen Bariton bald an den führenden Häusern wiederbegegnen!
Renate Baumiller-Guggenberger
„Macbeth“ (1847) // Melodramma von Giuseppe Verdi
