Nachdem die Urfassung der „Carmen“ von 1874 (ein Jahr vor der Uraufführung) auf Basis der neuen kritischen Ausgabe von Paul Prévost in Antwerpen bereits konzertant erstaufgeführt wurde, fügen die Salzburger Festspiele nun auch szenisch erstmals Teile davon in die altbekannte Version ein – musikalisch ungewohnt, ohne Dialoge der originalen Opéra-comique und den bekannten Rezitativen, die erst nach Bizets Tod von Ernest Guiraud hinzukomponiert wurden.

Dirigent Teodor Currentzis und sein Utopia Orchestra setzen auf besonders dramatische Akkorde, tiefste Schwermütigkeit mit überraschenden Ausbrüchen und starke Akzentuierung zwischen Piani- und Fortissimi-Passagen wie beim ersten Aufeinandertreffen von Micaëla und José. Fremd und gewöhnungsbedürftig ertönen Chorpassagen, das Schmugglerquintett ohne jeglichen Schwung und mit fehlender Klangschönheit. Etwas langatmig wirken auch extrem-langsame Tempi, wie bei Carmens Flucht vor den Soldaten, die in Zeitlupe gespielt wird, am Beginn der Seguidilla in der Schenken-Szene oder der völlig neu gehörten, leisen, fast zärtlich gespielten Habanera. Der Applaus von Carmens Auftrittsarie folgt nur sehr zurückhaltend, andere „Hits“ wie Escamillos Heldengeschichte bleiben überhaupt ohne Publikumsreaktion – Bizets blühende Melodik zündet selten. Zwischen den Musiknummern sind oft unpassende spanische Folklore-Gesänge zu hören oder eine unheilvoll-klingende Geräuschkulisse, die unbeantwortete Fragen aufwirft.

Gabriela Carrizos Regie überlädt ebenso mit vielen unklar bleibenden Ideen und führt in eine Welt abseits jeder „Gipsy-Romantik“, durchaus positiv, wenn nicht nur eine machogeladene Gewaltorgie in perspektivloser Dunkelheit gezeigt werden würde. Äußerst biegsame Mitglieder der Tanzgruppe Peeping Tom, die scheinbar keine Knochen haben, werden dauermisshandelt und Kinder lernen von den Soldaten, wie sie ihre gleichaltrigen Freunde erschießen. Man hört Explosionen und Schüsse, Frauen werden als Freiwild gesehen und Carmen scheint zwischen Angst und Resignation zu schwanken. Das Einheitsbühnenbild (Christof Hetzer) einer grau-schroffen Kraterlandschaft zeigt ein düsteres Sevilla in so dunklem Licht, dass vieles auf der Bühne nicht zu erkennen ist. Einzig Carmens Ende leuchtet im blutroten, effektiven Ambiente.

Asmik Grigorian stellt bei ihrem Rollendebüt – fernab von Verführung und Flirt, ohne samtig-cremigem Timbre und gehaltvollen tieferen Lagen – eine freiheitsliebende Frau als Opfer dar. Dies aber konsequent, mit hohen dramatischen Eruptionen und großer Ausdruckskraft, vor allem beim spannungsgeladenen Karten-Terzett und vor ihrem Tod. An ihrer Seite brilliert Jonathan Tetelman als José, der nicht nur seine sichere Höhe mit Leuchtkraft präsentiert, sondern auch leise und zärtlich um Carmens Liebe fleht, bevor er von hinten auf sie einsticht. Mit ausreichender Durchsetzungskraft, lieblich-innig und mit herrlich langanhaltenden Piani versucht Kristina Mkhitaryan als Micaëla ihre Angst zu beherrschen und um Josés Liebe zu kämpfen. Davide Lucianos Escamillo bleibt ohne Tiefe unauffällig.

Wer sich ständig nach Neuem sehnt und auf trostlose, zerstörerische Atmosphäre steht, ist bei dieser „Carmen“ richtig. Die anderen bleiben enttäuscht zurück.

Susanne Lukas

„Carmen“ (1875) // Opéra-comique von Georges Bizet auf Basis der kritischen Erstausgabe aller Fassungen von Paul Prévost

Infos und Termine auf der Website der Salzburger Festspiele