Kunstfest Weimar & Deutsches Nationaltheater Weimar • Messias Händels Oratorium als partizipatives Chorprojekt
Es gehört seit Langem zur Praxis der Händel-Renaissance, auch die Oratorien des Barockmeisters als Musiktheater auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. So wie es jetzt Jochen Biganzoli zur Spielzeiteröffnung in Weimar als Beitrag zum Kunstfest mit dem „Messias“ vorführt. Das 1742 in Dublin uraufgeführte Werk ist eine Perlenkette aus lauter eingängigen Nummern mit dem berühmten „Hallelujah“ als besonders funkelndem Schmuckstück und Höhepunkt.
Um aus den biblischen Zitaten, die Charles Jennens zusammengestellt hat, eine szenische Aufführung zu machen, bedarf es einer ordnenden Idee wie die szenische Aufteilung in die drei Teile „Verheißung“, „Passion“ und „Erlösung“. Theatertauglichkeit wird allein schon durch den Wechsel in der Ästhetik von Wolf Gutjahr (Bühne) und Katharina Weissenborn (Kostüme) gesichert. Biganzoli spielt zunächst seine Meisterschaft bei der Verwendung von simultanen Bühnenräumen aus. In diesem Fall sind es sechs Bühnenguckkästen, die mit Blicken in die verschiedenen kleinen Welten einen Blick auf die Welt als Ganzes erlauben.
Oben links gibt es einen Raum für Familientreffen, mit Bildschirm und auch mit Bücherwand. Rechts schließt sich ein Großraumbüro an, das als Steuerungszentrale oder Krisenstab taugt. Schließlich ist ein einzelner Mann mit sich und seinem Computer allein. Es ist Bass Jacob Harrison, der später diese Einsamkeit verlassen und mit seinen Tiraden gehen die Mächtigen der Welt auftrumpfen wird. In der unteren Reihe dieses Weltpanoptikums findet sich links ein Waschsalon und in der Mitte ein hochgerüstetes Krankenzimmer mit einem offensichtlich Sterbenden, während rechts daneben eine glamouröse Gesellschaft das Leben als Party zelebriert. Das „Es ist uns ein Kind geboren“ findet dann oben links unter einem Weihnachtsbaum statt. Fürs Publikum durchaus herausfordernd, werden diese simultanen Teilwelten immer wieder von Videobildern aus der großen Welt überflutet. Altistin Sarah Mehnert fällt als Besucherin am Krankenbett auf, Tenor Simon Bode betritt die Szene vom Zuschauerraum aus. Auch die beiden Sopranistinnen Emma Moore und Adèle Clermont sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Bilderfolge.
Für ihre Videos hat sich Jana Schatz reichlich im großen Vorrat der Nachrichten- und Zeitgeistbilder bedient, aber auch selbst welche hinzugefügt, die bei der Probenarbeit mit der 52-köpfigen personellen Verstärkung des professionellen Opernchores aus Einwohnern von Stadt und Umgebung erstellt wurden. Partizipatives Theater als Prozess und auf der Bühne.
Nach der Pause, im zweiten Teil, erreicht die frohe Botschaft auch diese Menschen, die sich jetzt ganz locker in Zivil auf der nun leeren weißen Bühne einfinden. Wenn der Profichor ganz in Weiß dazu kommt, hat er auch für die Zivilisten weiße Einheitsbekleidung dabei, die jetzt alle anlegen. Und wenn in der Mitte der Bühne eine Plastikfolie ausgebreitet und darauf Theaterblut verteilt wird, dann wird das zu einer Theatererinnerung an das sakrale Ritual, bei dem vom Blut des Erlösers die Rede ist, und zum Zentrum der Gemeinschaft, die dann freilich auch zu Boden geht und sich erst durch die mitreißende Wucht des „Hallelujah“ wieder erhebt und an der Rampe formiert. Ein Theatereffekt mit ziemlicher Wirkung, der genau den Applaus bekommt, auf den er zielt – die Anregung zum Nachdenken aber auch mitliefert.
Im dritten Teil schließlich steht das Motto „Gemeinschaft leben“ groß hinter allem, was jetzt auf der Bühne als Kunst in Konzertformation und im Video als Einblick in Einrichtungen, die zu diesem Motto passen, zelebriert wird. Zwei Worte, die einfach konstatieren, was man in den Videos sieht, aber auch fordern, was darüber hinaus fehlt. Wenn das Publikum sich aber zum Amen selbst auf der Riesenleinwand beobachten kann, langsam das Saallicht aufdimmt und schließlich auch noch das Orchester im Graben hochfährt, wird die musikalische Intention von Händels Musik zur Aufforderung für das Leben von heute.
Der Weimarer Musikdirektor Daniel Carter versucht mit der Staatskapelle Weimar gar nicht erst auf barocke Delikatesse oder sakrale Jenseitsmusik zu setzen, sondern betont zupackend das diesseitig Menschliche, das bei Händel ja auch in seinen Oratorien mitschwingt.
Roberto Becker
„Messiah“ („Der Messias“) (1742) // Oratorium von Georg Friedrich Händel
Infos und Termine auf der Website des Deutschen Nationaltheaters Weimar
