Opera Incognita (München) • König Roger Szymanowskis Oper im Ägyptischen Museum
Karol Szymanowskis „König Roger“ wird bei der Opera Incognita zu einer atmosphärisch dichten Raumstudie. Der karge Betonraum des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst erweist sich als akustischer Glücksfall: Trotz seiner optischen Kälte bietet er eine herausragende Akustik und Strahlkraft. Besonders Matthias Bein in der Titelrolle und Annika Sandberg als Roxane entfalten hier eine packende Präsenz, während Jan-Robert Sutters Lichtdesign die minimalistische Kulisse von Aylin Kaip als wirkungsvolle Projektionsfläche nutzt.
Regisseur Andreas Wiedermann wählt eine klare psychologische Rahmung: Zu Beginn legt sich König Roger schlafen, erst nach den letzten Akkorden des dritten Aktes erwacht er an derselben Stelle. Das gesamte Bühnengeschehen ist somit als psychotischer Angsttraum eines, wie sich zeigt, impotenten und fast kindlich-ohnmächtigen Herrschers angelegt. Innerhalb dieser Traumwelt vollzieht sich der Einbruch des Unberechenbaren: In ein scheinbar geordnetes, dekadentes Sozialgefüge einer rauschenden Champagner-Party bricht ein fast clownesker, weiß gekleideter Hirte ein. Er entfaltet eine hypnotische Wirkung auf die Gemeinschaft, setzt verborgene Triebe frei, die sich bis zu einer Orgien-Szene steigern, und lässt als messianischer Heilsbringer sogar den hinkenden Bischof wieder gehen.
Dass diese Albtraum-Ästhetik trägt, garantiert ein spielfreudiges Ensemble sowie die musikalische Leitung von Ernst Bartmann. Sein Arrangement lässt das klein besetzte Orchester erstaunlich groß wirken und Szymanowskis farbenreiche Klangsprache trotz der ungewöhnlichen Räumlichkeit erstrahlen. Auch Wiedermanns Personenregie, insbesondere die Einsätze des großartig singenden Chores, nutzen den kleinen Raum voll aus. Einzelne Regieideen, wie die pointierte Profilierung Roxanes samt dem rätselhaften Motiv eines Kindes, verleihen der Traumebene stimmige, psychologisch gut durchdachte Facetten.
Szymanowskis Werk zieht seinen eigentlichen Treiber aus einer unerschöpflichen Ambiguität: der vielschichtigen Überlagerung von unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Gesellschaftsgefügen und Machtstrukturen. Doch die Inszenierung verlegt das Geschehen radikal in die Psyche eines einzelnen Herrschers und blendet dabei gerade die dem Stoff inhärenten Ebenen visuell aus. Dadurch bleibt auch die im Programmheft behauptete politische Dimension unlesbar. Auch der gezogene Vergleich mit Pasolinis „Teorema“ hinkt, da dessen Schärfe gerade auf einer konkreten Milieustudie beruht. Ohne diesen Nährboden verkommt der Machtkampf zur Privatpsychose. Wenn sich am Ende der Bogen schließt und Roger real erwacht, wird die Schwebe zwischen (Alb-)Traum und Wirklichkeit nicht ausgehalten, sondern bequem aufgelöst. Das nimmt dem Abend einen Teil seiner Schärfe, trübt das Erlebnis dieser musikalisch wie räumlich außergewöhnlichen Produktion eines rar gespielten Meisterwerks aber keineswegs.
Hendrik Ruhe
„Król Roger“ („König Roger“) (1926) // Oper von Karol Szymanowski
