Manche Menschen werden zu Tyrannen. Immer wieder, vielerorts. Was fasziniert sie an Machtgier, Skrupellosigkeit, Blutrausch? Vermutlich steuert hier eine sinistre, pathologische Passion den Prozess, ein Fall für die Psychiatrie. Die Titelfigur und seine Frau hegen solche Neigungen in „Macbeth“, auf den Spuren von William Shakespeare entstanden, von Guiseppe Verdi 1847 mit eindringlicher Musik übergossen und mehrfach bearbeitet. Die Staatsoper Hamburg zeigt in einer mäßig prickelnden Neuproduktion seine zweite Fassung (1865). Regie führt Intendant Tobias Kratzer. Ein betonschwerer Brocken erdrückender Düsternis, vom Publikum gespalten aufgenommen.

Hinter erfolgreichen Männern stehen angeblich starke Frauen, lautet eine Binsenweisheit. In „Macbeth“ baut sie sich eher vor ihm auf, drängt und schubst, von blindem Ehrgeiz befeuert. Ihr Gemahl wirkt schwächlich, zögernd, fährt lieber mit seinem Sohn ein Spielzeugauto über den Teppich. Doch die perfide Lady manövriert ihn harsch zum Kampf um die Krone. Am Ende stirbt sie, wie etliche andere Akteure. Leichen stapeln sich. In der finalen Szene dürfen alle wieder auferstehen, weil das letzte Menetekel der wild fuchtelnden Hexen unerfüllt blieb – Ausgang offen.

Tobias Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier haben im finster sterilen Raum eine Manege mit Tribüne kreiert. Über weite Strecken schaut von dort der Chor stumm zu, bewegt ab und zu Oberkörper oder Arme, still kommentierend, aber ohnmächtig. Heutig fallen die Kostüme aus. Zwingend wirkt das nicht unbedingt. Entsprechend läuft die besessene Lady in Jeans oder Glitzerlook durch das ansonsten gänzlich schmucklose, karge Interieur, ihr fremd gesteuerter Ehemann rauft sich angesichts schleichenden Wahnsinns in Abendrobe die Haare.

Der Regisseur verzichtet auf den berühmten Wald von Birnam und begnügt sich mit dem streng formierten Chor als Drohkulisse. Seine Personenführung ist ebenso stringent wie exzellent. So entstehen markante, zeitweilig emotional aufgeladene, hoch ästhetisierte Momente, darunter das Regenbild. Einiges erinnert partiell an Seifenopern, doch für den großen Bogen genügt das kaum. Mit einer Messerstecherei in der Manege beginnt das Desaster. Macbeth ermordet Duncan. Er verheddert sich fortan im tödlichen Kreislauf, bis er selbst dahingerafft wird.

Konsequent sieht Kratzer die Oper als Nachtstück im Kammerformat, tiefgrau, ausweglos. Die Solistinnen und Solisten verbreiten auch nur bedingt Glanz. Nino Machaidze als stählerne Lady und Kartal Karagedik in der Titelpartie wirken solide, gleichfalls Dovlet Nurgeldiyev als Macduff, Colin Aikins (Malcolm) und Alexander Vinogradov als Banco. Belcanto-Strahlkraft entfalten sie nur selten. Pluspunkte markieren der ausgezeichnet präparierte, omnipräsente Chor und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Tomáš Hanus. Er dirigiert straff, besonders in den flirrenden Piano-Phasen, durchsichtig und sorgt sporadisch für elektrisierende Forte-Klänge, hält vor allem den großen Apparat im Lot. Nach dem Schlusston gibt es üppigen Applaus und Buhs.

Jürgen Rickert

„Macbeth“ (1847/65) // Melodramma von Giuseppe Verdi

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Hamburg