Mecklenburgisches Staatstheater • Fidelio Beethovens Oper geht in Freiheits-Briefen unter
Lässt sich an einem gut gemeinten Engagement Kritik üben? Am Mecklenburgischen Staatstheater versucht sich Regisseurin Kerstin Steeb an „Fidelio“, liest die Oper gemeinsam mit Autorin Maike Graf als „Erzählung über Angst, Mut und das Aufbrechen eines Systems“ – und schadet Beethovens Werk mit dieser Politisierung leider mehr als nur. Denn der Wunsch, die aktuelle Geschichte der belarusischen Aktivistin Maria Kalesnikava auf die Protagonistin Leonore zu übertragen, aus dem Musiktheater eine große Bühne für Widerstand, Solidarität und Massenmobilisierung zu machen, erweitert im Schweriner Theaterzelt die ursprüngliche Textfassung um ziemlich lange, aus dem Off rezitierte und auch bruchstückhaft projizierte Passagen aus Briefen Kalesnikavas – und reißt damit so manchen musikalisch-dramaturgischen Zusammenhang auseinander. Respekt, dass die Mecklenburgische Staatskapelle diese (Zer-)Störung des Werkflusses stoisch erträgt, immer wieder aufs Neue konzentriert ansetzt und so zumindest mehr als nur eine Ahnung von der Vielschichtigkeit dieser Komposition vermittelt.
Offenbar sind mit Steeb und ihrer Mitstreiterin Begeisterung und Engagement für die belarusische Bürgerrechtlerin durchgegangen. Grundsätzlich ein unterstützenswerter Einsatz, denn über die Abgründe von Diktator Alexander Lukaschenko gibt es unter westlichen Demokraten wohl keine zwei Meinungen. Und auch der Stand von Amnesty International (AI) im Foyer des Theaterzeltes, wo Mitarbeiter über andere politische Gefangene informieren und Unterschriften für deren Freilassung sammeln (Kalesnikava war im Dezember 2025 nach fünf Jahren Haft aus einem Straflager in Belarus freigelassen worden, wofür sich AI intensiv eingesetzt hatte), ist zweifellos zu bestärken; ebenso wie der Einsatz von Hausbariton Martin Gerke, der in der Pause am Tisch daneben für Brief-Solidarität mit den zahllosen noch inhaftierten politischen Gefangenen im ehemaligen Weißrussland wirbt.
Doch wer unter dieser Initiative auf der Bühne leidet, ist Beethoven. Da hilft es auch nichts, dass schon Ernst Bloch einst klar zum Ausdruck brachte, dass der Schluss der Oper die Möglichkeit einer besseren Welt zeige, die zu schaffen den Figuren und dem Publikum aufgegeben ist – eine Überdeutlichkeit in der Inszenierung ist selten von Vorteil. Und deutlich machen es Steeb und Christopher Dippert (Bühne und Video) in den zweieinhalb Stunden zuvor ohne Unterlass: Immer wieder werden Bilder von den Protesten in Belarus, von Kalesnikava und ihren Mitstreiterinnen großformatig auf der einförmigen Gefängnismauer im Hintergrund eingespielt. Briefkästen und öffentliche Telefone sowie „Exit“-Lampen dienen anderen Polit-Verdeutlichungen und nicht wirklich weiterführenden Agitprop-Spielereien. Und kurz vor dem Ende wird es gar arg pathetisch: „Dann wurde eine Stimme der Demokratie laut“ kündet es, und aus den Publikumsreihen tönt Gerke – des Königs Minister Don Fernando – als Retter für den an einem kleinen Seilchen festgehaltenen Florestan (leider nicht mehr als solide: Roman Payer). Das offenbart gleich noch ein anderes Inszenierungsproblem: Personenregie ist eher Mangelware, meist stehen Protagonisten wie auch Chorensembles – Beziehungen, Emotionen gar finden sich nur selten in ihren Auftritten.
Bleibt Beethovens Musik (oder das, wozu zwischen den neuen Texten immer wieder angesetzt wird). Karen Leiber als Leonore ist zwar keine kämpferische Amazone, sondern zeigt durchaus Verletzlichkeit, stößt in der Titelpartie allerdings auch immer wieder an Grenzen – aber vielleicht ist das in der Rolle schon mitkomponiert. Während Anna Graf als Marzelline darstellerisch mehr mitzureißen vermag als mit ihrem bisweilen scharfen Sopran, sammelt Gerard Farreras als Rocco mit seiner Verschmitztheit nicht nur stimmlich Pluspunkte beim Publikum – und der scharf charakterisierende Brian Davis weiß als Don Pizarro eindrucksvoll aufzutrumpfen.
Entsprechend müht sich auch Gastdirigent Gábor Hontvári redlich um innere Intensität, doch drängt er dabei leider die Momente der Verinnerlichung zurück. Nichts gegen energetisches Musizieren, aber Brillanz und Transparenz gehen damit nicht immer automatisch einher, und die dramaturgische Zerstückelung tut an diesem Premierenabend ein Übriges. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gekonnt.
Christoph Forsthoff
„Fidelio“ (1805/14) // Oper von Ludwig van Beethoven, Dialogfassung von Maike Graf mit Briefen von Maria Kalesnikava
Infos und Termine auf der Website des Mecklenburgischen Staatstheaters
