Mehr Verderben geht kaum. Am Ende kriecht der Tod aus allen Fugen, metzelt Akteure dahin. Davor prägen wüste Fehden und Intrigen, Zerwürfnisse und Irritationen die blutrünstig grausame Geschichte um einen König, der sich geliebt wähnt und gehasst wird. Shakespeare meißelte daraus eine monumentale Tragödie voll physischer Gewalt, monströs in den Gefühlen – ein Abgrund, der im Wahnsinn mündet. Komponist Aribert Reimann und sein kongenialer Librettist Claus H. Henneberg adaptierten die Vorlage zu einer Oper, die 1978 am Nationaltheater München uraufgeführt und bald global ausgerollt wurde. Nun kehrt dieser Klassiker der Moderne an die Komische Oper Berlin zurück, wo ihn Harry Kupfer 1983 erstmals in Szene setzte. In der Neuinszenierung geht Ex-Intendant Barrie Kosky an das Werk und entwirft im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof als Ausweich-Quartier ein packendes, kribbelndes, vor Hochspannung knisterndes Endspiel eines eitlen, gescheiterten Monarchen.

Reimanns Musik ritzt sich unter die Haut. Wummernd ekstatische Percussion-Klänge, schneidende Rhythmen, sanft schwingende Streicherkantilenen loten das emotionale Spektrum famos aus und bilden den Soundtrack für die unausweichliche Apokalypse. Dirigent Nicholas Carter schreitet mit dem Orchester der Komischen Oper den Raum hoch konzentriert und souverän ab, sorgt für Transparenz und heizt die Atmosphäre bis zum Siedepunkt auf: eine starke, beeindruckende, aufwühlende Interpretation.

In der gigantisch dimensionierten Halle des einstigen Nazi-Airports droht sich jede Handlung schnell zu verlieren, weil ein Fokus nur schwer gesetzt werden kann und gerade intime Momente in den riesigen Distanzen ihre Wirkung einbüßen. Um das zu vermeiden, bedarf es eines ausgeklügelten Lichtdesigns, eher sparsamer Requisiten und eines klug durchdachten Regiekonzepts. Voraussetzungen, die im konkreten Fall formidable Entsprechung finden. Olaf Freese leuchtet die Spielfläche eindringlich aus, Bühnenbildnerin Rebecca Ringst lenkt die Optik auf Essentielles, ebenso die heutigen Kostüme von Klaus Bruns. Und Barrie Kosky als Meister seines Fachs schwenkt den Blick auf das Innenleben, die Antriebsfedern der Protagonisten – er entwickelt psychoanalytisch erkundete Aggregatzustände der Seele.

Eine Lesart, die funktioniert und mitnimmt in dieser Höllenfahrt entfesselter Situationen und brutaler Zuspitzungen. Kosky macht das ohne Effekte, richtet den Blick auf den Kern und auslösende Gefühlslagen. So erscheint die finstere Geschichte zeitlos, jenseits historischer Bezüge oder Zuschreibungen. Neben dem hart geforderten Chor samt Vocalconsort Berlin und Orchester hinterlassen mehrere Solisten nachhaltigen, exzellenten Eindruck, voran Scott Hendricks in der Titelrolle, Günter Papendell als Graf von Gloster, Aryeh Nussbaum Cohen (Edgar), Nicole Chevalier als Regan, Brenton Ryan (Edmund) und Dagmar Manzels herrlich verschrobener Hofnarr. Sie garantieren gut zwei pausenlose, atemberaubende Stunden famosen Musiktheaters. Woran Guiseppe Verdi einst scheiterte, schaffte Aribert Reimann mit Grandezza. Sein „Lear“ ist ein Jahrhundertwerk, massiver Schlussbeifall unterstreicht das.

Jürgen Rickert

„Lear“ (1978) // Oper von Aribert Reimann

Infos und Termine auf der Website der Komischen Oper Berlin