Salzburger Landestheater • L’italiana in Algeri Ein spielfreudiges Ensemble für Rossinis Oper
Braucht man in einer Rossini-Premiere heute eine kritische Brechung alter Nahost-Klischees, um die Italienerin Isabella in Algier noch guten Gewissens das Serail des Mustafà durcheinanderwirbeln zu lassen? Die szenische Antwort der Regisseurin Alexandra Liedtke, im Team mit Philip Rubner (Bühne) und Su Bühler (Kostüme), ist ein fröhliches Nein. Am Salzburger Landestheater wirbelt es in „L’Italiana in Algeri“ mehr denn je, und die rundum von Artisten und Akrobaten besetzte Drehbühne rotiert, dass einem fast schwindlig werden könnte. Denn „Algeri“ ist hier schlicht ein Zirkus mit Mustafà als präpotent schnurrbärtigem Prinzipal.
Verbunden ist das schon in der Ouvertüre mit reichlich Aktion auf der Bühne, zu der Carlo Benedetto Cimento am Pult des Mozarteumorchesters stets straffe und schmissige Tempi findet, aber in den lyrischen Momenten klangschön das Durchatmen und Zurücklehnen ermöglicht. Mitwippen könnte man immer wieder dank Saverio Rufo am selbst arrangierten Schlagwerk, das augenzwinkernd noch den Bezug zum „alla turca“ wahrt. Die Regie bedient sich demgegenüber ironisch bei Zirkus-Standardnummern, von der zersägten Jungfrau bis zum Messerwerfer. Dass mehrfach ihr Misslingen oder der Trick dahinter gezeigt wird, sorgt für zusätzliche Erheiterung im Publikum.
Vor allem aber profitiert der Abend vom spielfreudigen und ausgewogenen Ensemble. Gut besetzt sind selbst die kleineren Partien von Mustafàs Personal, hier Zulma – Mona Akinola mit angenehmem Mezzo –, dort Haly, für den Yevheniy Kapitula nicht nur bei einem besonderen Gag mozartisch baritonale Leichtigkeit mitbringt. Nicole Lubinger als Elvira findet darstellerisch und mit leichtem Sopran die richtige Mischung für die verschmähte Gattin. Als ihr untreuer Mustafà punktet Daniele Macciantelli trotz seines breitbeinigen Auftretens mit schlankem und wendigem Bass und gerät nur ganz am Ende, bei seiner Ernennung zum Pappataci, leicht ins Poltern.
Mit George Humphreys als Taddeo hat er sich freilich in den großen Ensembleszenen in tiefer Lage gegen einen Widerpart zu behaupten, der nicht unbedingt ein Buffo-Leichtgewicht ist. Komik durch Humphreys’ hochgewachsene Erscheinung entsteht nicht zuletzt im Zusammenspiel mit den vier Clowns, die das Geschehen begleiten und pantomimisch kommentieren. Als Zirkusakrobatin wird Lea Toran Jenner, virtuos im Luftring und an der Stange, fast zur eigentlichen, stummen Partnerin des Tenors. Nur droht das von seinen Arien abzulenken, und Theodore Browne muss sich als Lindoro beim Auftritt ein wenig freisingen, um anschließend umso mehr mit feiner Stimmführung und starker Koloraturtechnik zu begeistern.
In dieser Hinsicht passt er wunderbar zu Katie Coventry, die als Isabella nicht wie berühmte Rollenvorgängerinnen gleich mit großen Brusttönen in der Tiefe aufwartet, sondern klar und gut fokussiert beginnt, um sich stetig zu steigern. Gute Figur macht sie von Beginn an beim durchaus burschikosen Auftreten mit kurzen Haaren und im Hosenanzug. Das „Pensa alla patria“, mit dem sie hier quasi ihre Machtübernahme im Zirkus durchsetzt, gelingt vokal glänzend. Nach dem Schlussvorhang gibt es begeisterten Applaus für alle.
Sebastian Stauss
„L’italiana in Algeri“ (1813) // Dramma giocoso per musica von Gioachino Rossini
Infos und Termine auf der Website des Salzburger Landestheaters
