Staatstheater Wiesbaden • Les contes d’Hoffmann Offenbachs Oper als veritables Musiktheaterfest
Diese Inszenierung ist bereits vor der Premiere ausgezeichnet worden: Für das von ihm vorgestellte Regiekonzept hatte Dennis Krauß den „European Opera Directing Prize“ im Jahr 2025 gewonnen. Dafür bekam er die Gelegenheit, das Konzept am Staatstheater Wiesbaden zu verwirklichen – eine Bewährungsprobe, die er glänzend besteht.
Er lässt „Hoffmanns Erzählungen“ auf einem Jahrmarkt spielen. Der verarmte Dichter bietet dort erfolglos Gebrauchslyrik an. Im Alkoholrausch träumt er sich in die Belle Époque zurück, die Entstehungszeit der Oper am Ende des 19. Jahrhunderts. Dort begegnen ihm die drei Frauengestalten, die er zuvor seinen Zechkumpanen als Erscheinungsformen seiner vergeblich angebeteten Stella ankündigt, inmitten von Budenzauber. Das liegt bei der Automatenpuppe Olympia nahe, benötigt bei den anderen beiden Frauen aber gewitzte Kreativität. So erscheint Antonia als Assistentin eines Zauberkünstlers, die ihr tragisches Ende als „zersägte Jungfrau“ findet. Die Kurtisane Giulietta präsentiert sich unerschrocken auf einer Drehscheibe für einen Messerwerfer. Dass sie Hoffmann dessen Spiegelbild abluchst und dieser damit „gesichtslos“ wird, übersetzt die Regie in die Zurschaustellung eines Wolfsmenschen mit behaartem Antlitz.
Krauß hat als sein eigener Ausstatter dazu eine faszinierende Traumwelt entworfen: mit einem großen Zirkuszelt an der Rückfront, Jahrmarktbuden und Bretterbühnen. Dabei entgeht er der Gefahr, in dem Volksfestgetümmel den Handlungsfaden zu verlieren, durch Selbstdisziplinierung. Die Farben der historisierenden Kostüme wie auch der Kulissen sind den Streifen der Zeltplane entnommen: Rot und Weiß. Zudem hat er sich der Mitarbeit von Gal Fefferman versichert, die als Choreografin nicht nur für Tanzelemente zuständig ist, sondern auch die Bewegungsabläufe im Übrigen klar konturiert. So fügen sich überbordende Erzähllust, szenischer Einfallsreichtum und Regiehandwerk zu einem veritablen Theaterfest.
Obendrein hat man dem Preisträger eine Besetzung gegönnt, die bis zur kleinsten Nebenrolle musikalisch wie darstellerisch keine Wünsche offenlässt. In der Titelpartie gewinnt der rollenerfahrene Oreste Cosimo seinem attraktiv timbrierten Tenor viele Farben ab. In der übrigen Besetzung zeigt das Haus die außerordentliche Qualität seines Ensembles. Hovhannes Karapetyan gibt mit seinem kernigen Bassbariton dem Bösewicht Lindorf in dreierlei Gestalt stimmschauspielerisches Profil. Als Olympia begeistert Sophia Theodorides nicht nur durch Vokalakrobatik, sondern auch durch perfekt imitierte mechanische Bewegungen als Automatenpuppe. Nicht minder perfekt sorgen Sarah Yang als hinfällige Antonia und Camille Sherman als durchtriebene Giulietta für die Individualisierung ihrer Figuren. Eine Wucht ist Fleuranne Brockway, die mit saftigem Mezzosopran und quicklebendigem Spiel den Nicklausse in den Rang einer Hauptpartie hebt. Paul Taubitz lässt das Orchester dazu kraftvoll aufspielen. Das Staatstheater Wiesbaden legt mit dieser Produktion zum Saisonauftakt eine szenische und musikalische Punktlandung hin.
Dr. Michael Demel
„Les contes d’Hoffmann“ („Hoffmanns Erzählungen“) (1881) // Opéra fantastique von Jacques Offenbach
Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Wiesbaden
