Die bereits 2009 am Theater Basel herausgekommene Produktion von Richard Wagners relativem Frühwerk „Der fliegende Holländer“, die auch schon in Barcelona und an der Staatsoper Berlin tourte, wird nun vom MusikTheater an der Wien übernommen. Die Inszenierung ist im bourgeoisen Milieu der Entstehungszeit des Stückes um die Mitte des 19. Jahrhunderts verortet, also mit all der damals üblichen Verklemmtheit, Reglementierung und dem vermeintlichen Anstand in Sachen Liebe und Ehe.

Senta, aus deren Perspektive Regisseur Philipp Stölzl das ganze Stück erzählt, wird durch das eindeutige Nachstellen Dalands bereits als junges Mädchen (im Vorspiel, unpassend zu dessen Thematik!) mit dem Fehlverhalten der Männer konfrontiert. Sie entwickelt so schon ganz früh ein dystopisches Verhältnis zu ihnen und versucht mit der Idee des fliegenden Holländers einen Ausweg aus diesem für sie unakzeptablen Leben zu finden. Dazu entdeckt sie in der Bibliothek ihres Vaters ein großes Buch, welches die Geschichte des Holländers erzählt. Sie hält es, wann immer möglich, in kindlicher Schwärmerei eng umschlungen, wie einst Lisbeth Balslev das Bild des Holländers in der legendären Bayreuther Inszenierung von Harry Kuper nie mehr losließ.

Dennoch kommt es am Ende, als das kleine Mädchen zur reifen Frau geworden ist, zur Katastrophe eines unerfüllten und somit verlorenen Lebens. Aus der anfangs unschuldigen Liebe zum Holländer wird nun eine regelrechte Obsession mit einem sich gewaltsam Raum bahnenden Wunsch nach Freiheit und der Realisierung von Gefühlen, die ihr in ihrem häuslichen und gesellschaftlichen Umfeld immer vorenthalten wurden. Interessant und szenisch gelungen ist dabei das Ineinanderfließen des surrealen „Holländer“-Kosmos – aus den Augen Sentas – mit der realen großbürgerlichen Welt Dalands und seiner Freunde in der beeindruckend großen Hausbibliothek des Norweger-Kapitäns, der es offenbar durch Handel zu etwas gebracht hat. In diesem Stil schreckt er dann auch nicht zurück, seine Tochter für ein paar Gegenstände aus Gold an den Holländer zu verschachern.

Die durchaus ansprechende großbürgerliche Ästhetik des Bühnenbildes (Philipp Stölzl und Conrad Moritz Reinhardt) und der Kostüme (Ursula Kudrna) mit den eindrucksvoll integrierten Szenen der Holländer-Sphäre sowie einem unheimlichen Geisterschiff und -besatzung wird nur durch die besessene Putzkolonne der Spinnerinnen gestört. Das war schon 2009 ein Topos, der leider auch heute immer noch auf der Wagner-Bühne grassiert.

Die beeindruckende Sopranistin Ambur Braid bietet in dieser komplexen Rollengestaltung eine unglaublich intensive darstellerische und fast hochdramatische sängerische Interpretation der Senta. Jordan Shanahan präsentiert als Holländer einen klangvollen und ausladenden Heldenbariton mit dunklen Farben. Wilhelm Schwinghammer singt den Daland mit profundem Bass und engagierter Rollen-Interpretation. Cameron Becker gibt einen intensiven Erik und Ieva Prudnikovaitė eine respektable Mary. James Ley ist ein guter Steuermann.

Robert Jindra dirigiert die Wiener Symphoniker engagiert, aber oft einfach zu laut, was auch der Größe des Hauses geschuldet sein könnte. Der Arnold Schoenberg Chor unter Leitung von Erwin Ortner singt auf Festspielniveau.

Dr. Klaus Billand

„Der fliegende Holländer“ (1843) // Romantische Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien