MusikTheater an der Wien • Benamor Pablo Lunas Zarzuela entführt in den queeren Orient
Regisseur Christof Loy will Zarzuela-Lebensfreude dem Publikum bekannt(er) machen und bringt deshalb die spanische Opereta „Benamor“ von Pablo Luna 103 Jahre nach der Uraufführung zum ersten Mal auf eine Bühne außerhalb des spanischsprachigen Kulturkreises. Die Geschichte führt amüsant in ein märchenhaftes Persien vergangener Zeit mit Orient-Flair im teppichreichen, exotisch-anmutenden Palast (Bühne: Herbert Murauer). Prächtige Kostüme von Barbara Drosihn zeigen sich von revueähnlich-gekleideten Haremsdamen mit Federnkopfschmuck über kurzem Lack-Höschen und Zylinder der Sklavin bis zu einem spanischen Abenteurer im Musketier-Verschnitt.
Die Sultanin hat laut Erbfolgegesetz zuerst einen Sohn zu gebären und danach eine Tochter. Weicht die Geschlechterfolge ab, werden die Säuglinge getötet. Das verhindert die Herrscherin, indem sie das erstgeborene Mädchen als Sultan erzieht und den danach geborenen Jüngling zum Sticken zwingt – dieser würde lieber wild reiten und mit Waffen spielen, anstatt als „Prinzessin“ zu heiraten. Als „sie“ sich stattdessen in die neue Odaliske verliebt und sich der Sultan zu einem Brautwerber hingezogen fühlt, anstatt sich mit seinem Harem zu erfreuen, eskalieren die „Gender Troubles“ der Geschwister.
Das unterhaltsame Musiktheater begeistert mit einem Mix aus spanischer Folklore, Walzer- und Marschklängen, orientalischen Elementen und Foxtrott, Shimmy und Paso doble. José Miguel Pérez-Sierra bringt am Pult gekonnt beschwingte Rhythmen ebenso wie schöne opernhafte Liebesduette und zarte Canciones. Der Musikdirektor des Teatro de la Zarzuela in Madrid feuert die Mitglieder des beherzt aufspielenden ORF Radio-Symphonieorchesters auch zum Danza del fuego an, der als Verbindung von Natur und Liebe die Schleusen der Transformation öffnet und schlussendlich zum glücklichen Stück-Ende und zum „Wer ist wer“ führt.
Das nahezu ausschließlich spanische Ensemble agiert Zarzuela-erprobt und wortdeutlich in Originalsprache, sodass man trotz sehr schnellem Sprechen alles gut versteht (Übertitel helfen zusätzlich). Dennoch sind drei Stunden Aufführungsdauer mit vielen Wiederholungen zu ausgiebig.
Milagros Martín verfügt über enorme Bühnenpräsenz und temperamentvolles Spiel als Sultansmutter. Marina Monzó entzückt als Titelheldin con fuerte mit frischem, glasklarem Sopran und exzellentem Kunstpfeifen bei ihrem lieblich gesungenen persischen Lied. Sie versucht zwar maskulin zu wirken, indem sie breitbeinig auf dem Thron sitzt, kann ihre bezaubernde Weiblichkeit aber nur schwer verstecken. Ihrem „Bruder“ Darío leiht Federico Fiorio eine atemberaubend hohe Frauenstimme zu schüchternem Verhalten. David Oller präsentiert mit stolzer Brust sein „País de sol“ als Brautwerber Juan de León mit Pathos und kräftigem Bariton. Er erzeugt spanisches Lebensgefühl, worauf „Olé“-Rufe aus dem Publikum ertönen. David Alegret ist ein vom Sex zeitweise tauber Großwesir mit wohltönendem Tenor und Sofía Esparza eine verführerische Nitetis mit tänzerischer Kunst beim „Paso del Camello“. Viva la Zarzuela!
Susanne Lukas
„Benamor“ (1923) // Opereta von Pablo Luna
Infos und Termine auf der Website des MusikTheaters an der Wien
