Was Kurt Weill mit „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ und „Silbersee“ an Distanz zur traditionellen Oper suchte, schwebte auch dem Komponisten Claudio Santoro (1919–1989) mit „Alma“ vor: eine Kunstform für alle Gesellschaftsschichten. Zum Erfolg dieses großen Wurfes beim Kurt Weill Fest 2026 tragen alle Abteilungen des Anhaltischen Theaters bei: die Anhaltische Philharmonie, der unter Sebastian Kennerknecht alles gebende Opernchor und ein sensibles Ensemble – allen voran Kammersängerin Iordanka Derilova in der Titelpartie, als Frau, die den Männern die Schuld an allem gibt, gesungen in portugiesischer Originalsprache mit Sprachcoach Gerson Sales.

João do Carmo (Costa Latsos) liebt Alma und kann ihr doch nichts geben, weil er nicht zu seiner Homosexualität steht. Kaum zufällig kulminiert seine Krise in der Szene, in der ihm der „Polizist“ Dagoberto (starke Nebenpartie: Marcelo de Souza Felix) eindeutige Avancen macht und João ausgerechnet Alma Charismaverlust vorwirft. Latsos und Derilova treiben in ihren porösen Krisenmomenten sexuelle Frustration und Liebesverlust zu einem eisigen, fast erstickenden Kältehauch.

Wer ein plärriges Verismo-Melodram erwartet, wird angenehm enttäuscht: Bordell, toxische Beziehungen, Alkohol, Drogen, gescheiterte Liebe und der am Ende nicht einmal artikulierte Aufprall in der Gosse sind zwar vorgezeichnet, werden aber nie ausgestellt. Santoro setzt über einer pulsierenden rhythmischen Matrix etwas gänzlich Eigenes: Seine Musik fließt wie ein unaufgeregter, gerade dadurch eindringlicher Strom – von der Anhaltischen Philharmonie rezitativisch-geschmeidig und zugleich üppig geführt, immer wieder mit Anklängen an lateinamerikanische Großstadtklänge. Markus L. Frank arbeitet mit einer fünfköpfigen Salonkapelle im Bordell die kompositorischen Feinheiten sorgfältig heraus, die vokale und instrumentale Konversation bleibt stets klar.

Die zahlreichen Grausamkeiten seziert Regisseurin Christiane Iven – in kongenialer Fortsetzung ihrer subtilen Dessauer „Wozzeck“-Arbeit – und steigert sie zu seelischen wie physischen Hieben. Kay Stiefermann steht als Mauro so bedrängend vor Alma, dass man die auf sie einprasselnden Torturen und billigen Lusttröstungen körperlich mitzuspüren glaubt; nicht viel besser ist es um Almas bigotten Großvater Lucas (Michael Tews) bestellt. In die Kette der Männer reihen sich der reiche Ingenieur Teles Melo (Edilson Silva Junior) und Lobão (Alexander Argirov) ein. Bordell und Publikum sind von Rifail Ajdarpasic (Bühne) und Ariane Isabell Unfried (Kostüme) als farbenfrohe, zugleich unbarmherzig klare Milieustudie gezeichnet. Eine ähnliche Mischung aus Direktheit und anzüglicher Delikatesse prägt die Choreografie von Marcos Vinicius dos Anjos und die von Alyson Rosales und Alejandra Franco angeführten, ‚gewerbeüblichen‘ Genrefiguren. Almas psychische Extrembelastung verdichtet Iordanka Derilova mit warmem, persönlichkeitsstarkem, in vielen Nuancen schattiertem Edelsopran zum Zentrum der Aufführung. Der Löwenanteil des Applauses geht am Ende an sie und den Chor – vollkommen zu Recht.​

Roland H. Dippel

„Alma“ (1985) // Oper von Claudio Santoro

Infos und Termine auf der Website des Anhaltischen Theaters Dessau