Auf den Plakaten dieser Produktion ist ein Herz als rohes Stück Fleisch zu sehen, dekoriert mit einem Sträußchen Petersilie. Darin verdichtet sich der makabre Kern einer seit dem Mittelalter vielfach erzählten Geschichte: Ein eifersüchtiger Ehemann tötet den Liebhaber seiner Frau und setzt ihr dessen Herz als Mahlzeit vor; als er der Ahnungslosen die Herkunft des Verzehrten enthüllt, stürzt sich diese in die Tiefe und bringt sich um.

Martin Crimp hat daraus ein Opernlibretto gemacht, bei dem neben der mittelalterlichen Erzählebene drei Engel von der Gegenwart aus das Geschehen beobachten, kommentieren und selbst in die Haupthandlung eingreifen. Einer der Engel schlüpft als The Boy in die Rolle des Liebhabers, der Agnès, bislang fügsame Ehefrau des Protectors, nicht nur sexuell erfüllt, sondern in ihr auch einen Akt der Emanzipation gegen den dominanten Gatten auslöst. Der hat den Boy als Künstler in sein Haus geholt, damit dieser ihn in Buchmalereien auf Pergament – „on skin“ – verherrlicht.

Wie stellt man sich einen Engel vor? Wohl genau so, wie Iurii Iushkevich ihn hier verkörpert: mit langem, blondgelocktem Haar, ein wenig androgyn. Sein Countertenor besitzt eine fast überirdische Klarheit und Klangschönheit. Auf seinem Rücken zeichnen sich blutverkrustete Stümpfe einstiger Flügel ab, offenbar gewaltsam entfernt – ein Bild, das sich bei den beiden anderen Engeln wiederfindet und nahelegt, dass sie aus dem Himmel in eine experimentelle Welt gestürzt sind. Klaus Grünberg hat dazu ein Bühnenbild ersonnen, von dessen aus schwarzen Dreiecken zusammengesetzter Spielfläche er sagt, sie sehe aus wie eine „nicht fertig gerenderte Computersimulation“. Wenige Kulissenelemente zeigen am hinteren Bühnenrand ein winziges Ensemble von Hochhäusern und ein puppenstubenhaftes Bett. In diesem Setting erzählt Tatjana Gürbaca die Handlung klar und schnörkellos mit einer Besetzung, die in allen Partien darstellerisch und musikalisch so ideal ist wie die Verkörperung des engelhaften Boys durch Iushkevich: Bo Skovhus gibt einen körperlich dominanten Protector mit massivem, wo nötig auch brutalem Bariton, Elizabeth Reiter seine gegen ihre Unterdrückung aufbegehrende Frau mit farbigem Sopran. Selbstbewusst zeichnet Cecelia Hall den zweiten Engel mit ihrem klarem Mezzo, ängstlich-mitfühlend Michael McCown mit hellem Tenor den dritten Engel.

George Benjamin schenkt seinen Figuren Gesangslinien, die ihre stimmlichen Qualitäten entfalten lassen und zugleich eine optimale Textverständlichkeit sichern. Dazu entwirft er für das Orchester einen kontrastreichen, suggestiven Soundtrack, der von seinen Farben lebt. Wenige brutale Akkordmassen stehen in einem subtil ausgeleuchteten Gespinst delikater, ungewöhnlicher Klänge, etwa von gestrichenen Kuhglocken und einer Glasharmonika, die vom Frankfurter Opernorchester unter Erik Nielsen plastisch und atmosphärisch ausgebreitet werden. Eine starke, fesselnde Produktion eines Meisterwerks des zeitgenössischen Musiktheaters.

Dr. Michael Demel

„Written on Skin“ (2012) // Oper von George Benjamin

Infos und Termine auf der Website der Oper Frankfurt