„Du süßes Mädel, komm’ und sei mein …“, schmachtet ein Liebestoller in umwerfendem Gesang. Welches Mädel meint der bitte schön? Wo doch jeder weiß, dass Graf Zedlau (Gerd Jaburek) längst im sicheren Hafen der Ehe gestrandet ist. Wie sich bald zeigt, pflegt der Hallodri nicht nur ein, sondern gleich zwei außereheliche Verhältnisse. Und schuld daran sei einzig dieses vermaledeite Wiener Blut! Geniale Ausrede. Nur gut, dass in den Adern seiner gar nicht spröden Gattin derselbe Lebenssaft fließt. Trotzdem: Eine Ménage-à-quatre will die schöne Gräfin nicht. Wäre auch schwierig. Die Demoiselle Cagliari (Elisabeth Zeiler) als heimliche Geliebte hat „ihren“ Grafen streng an der Kandare. Wiener Blut hin, Wiener Schmäh her: „Geh ma …“, so denkt sich das leicht verwirrte Publikum und konsumiert gierig Operettenvergnügen in Reinform: leicht giftig, schwer charmant, selbstironisch gezuckert.

Ach, wie angenehm: Manches darf einfach so bleiben, wie es früher war. Wien bleibt Wien, Operette, operettenhaft. Regisseur Wolfgang Dosch und Ausstatter Florian Angerer tun gut daran, dem Publikum eine genussvolle Reise in die Goldene Operettenära zu gönnen: Das Kostümbild bietet eine Augenweide aus üppigen, bodenlangen Roben mit schmaler Taille – Satin, Seide, Tüll. Die Herren, ebenso elegant, haben stets ein Taschentuch parat. All das spielt sich in der liebevoll gestalteten Kulisse des Prateridylls ab.

Die Handlung wurde 26 Jahre vorverlegt, in jene glitzernde Belle Époque, in der die Wiener Weltausstellung stattfand. Naheliegend, dass sich unters Wiener Volk Weltpublikum mit fremden Dialekten mischt. Das führt zu sprachbedingten Missverständnissen im Runing-Gag-Charakter. Besonders der von Armin Stockerer gespielte leicht verstaubte, aber immer heitere Premierminister lässt gekonnt sächselnd kaum einen Fettnapf aus, stets bemüht, das zu vertuschen, was er selbst gar nicht durchblickt. Das angeblich „schwache Geschlecht“ führt die Herren ganz schön vor. Darf schon sein, obwohl auch Frau mit Wiener Blut schon mal schwindelig werden kann. Etwa, wenn die Gräfin vom Premierminister für’s Gspusi gehalten wird und das Gspusi vor Eifersucht schäumt, weil sich der Graf mit der Gräfin-Gattin trifft. Eva Maria Amann spielt diese subtilen zwischenmenschlichen Delikatessen genussvoll aus, hat alle am Haken und bringt das Wiener Blut zum Kochen – ihr Sopran, elegant getragen, verfügt über jene feine Schärfe, die verrät, dass es unter der höfischen Fassade ordentlich brodelt. Michaela Maybauer als dialektfeste Probiermamsell Pepi füllt ihr Spiel mit spitzbübischem Vergnügen: Als kindlich-weiblicher Wirbelwind ist sie der Gegenpol zur aristokratischen Welt der Gräfin – unwiderstehlich. Auch sie ist infiziert mit diesem Wiener Keim, der die klare Sicht vernebelt: Obwohl sie des Grafen Kammerdiener Josef liebt, lässt sie sich vom Grafen den Kopf verdrehen. Köstlich. Und Josef? Ist derjenige, der alles weiß und kommen sieht, aber nichts verhindern kann – Bonko Karadjov setzt die Tragik seiner Figur stimmlich wie mimisch-gestisch genial um. Bleibt der Prater-Karussellbetreiber Kagler (Martin Kiener) zu erwähnen, der seinen Part als Dialekt‑Schimpfkanonade mit Verve ausfüllt, und Yvonne Köstlers fantastische Präsenz als Fürstin Pauline.

Statt ruhig Blut also Wiener Blut. Garniert wird das Ganze mit klasse Chorauftritten, schmissigen Balletteinlagen und – last, but not least – jenem kraftvollen Motor, der das Operettenschmankerl antreibt: Das Orchester sINNfonietta liefert unter dem feinen Dirigat von Gerald Karl ein herrliches Strauss‑Melodien-Mosaik. Bravo! Geh’ ma z’Haus? Ungern.

Kirsten Benekam

„Wiener Blut“ (1899) // Operette mit Musik von Johann Strauss (Sohn), zusammengestellt, bearbeitet und ergänzt von Adolf Müller jun.

Infos und Termine auf der Website des Theaters an der Rott