Komische Oper Berlin • Belshazzar Händels Oratorium am Rande der Lächerlichkeit
Törichte Herrscher gibt es immer wieder, vielerorts, jederzeit. Einer trieb sein Unwesen in Babylon vor rund 2.500 Jahren. Er schaffte es bis ins Alte Testament und Georg Friedrich Händel widmete dem König ein wuchtig dramatisches Oratorium: „Belshazzar“, 1745 in London uraufgeführt. Nun ist es in der Komischen Oper Berlin als knallbunte Revue in der Regie von Herbert Fritsch zu erleben, der zugleich als Bühnen- und Kostümbildner fungiert.
Belshazzar entweiht religiöse Gefäße der nach Babel verschleppten Juden und wird prompt durch die ihn stürzenden Perser getötet. Die von Prophet Daniel entzifferte Flammenschrift sagt das bittere Ende voraus. Schlimm für die Mutter des Diktators, Nitocris, die auf Einsicht hofft, aber ihren missratenen Sohn nicht retten kann. Ziemlich schwere Kost mit ganz eindeutigen Trennlinien zwischen Gut und Böse. „Katastrophal“ aber findet Herbert Fritsch nach eigener Aussage im Programmheft politisches Theater mit klaren Zuschreibungen. Anders Kollege Harry Kupfer, der das Händel-Werk einst ins Konzentrationslager verlegte. Es böten sich durchaus aktuelle Bezüge an, die aber klammert die Berliner Inszenierung aus.
Fritsch entwarf eine riesige goldene Treppe als einziges Dekor, auf der die Handlung abspult. In quietschigen Gewändern umgurren die Babylonier ihren tumb grinsenden Monarchen: eine dekadente, durchgeknallte Gesellschaft im Alkoholrausch. Auch die okkupierten Juden wirken in ihrer Angst eher einfältig und selbst die siegreichen Perser verschaffen sich in Blaumänner-Kluft wenig Respekt. Der Regisseur löst Kontraste auf, verkleinert das Geschehen eher zur grobkörnigen Posse mit optischen Reizen. Das topfitte Ensemble hopst mit wedelnder Körperkomik über die Stufen, tänzelt, wippt, wackelt mit Köpfen oder Schultern, am Ende werden die hingemetzelten Babylonier inklusive Belshazzar sogar reinkarniert und das Stück beinahe der Lächerlichkeit preisgegeben. Lediglich Nitocris bleibt von den permanenten Slapstick-Elementen weitgehend verschont.
Händels wunderbarer Musik kann die ungewöhnliche Lesart wenig anhaben. Sie perlt süffig und dröhnt gefährlich oder erhaben, emotional stets aufgeladen. George Petrou am Pult schwört das Orchester bestens auf historische Praxis ein. Der Chor und das Vocalconsort Berlin leisten einen artistischen Bravourakt, die Solisten kommen ebenfalls nichts ins Stolpern und wirken solide, u.a. Ray Chenez als Daniel und Robert Murray in der Titelrolle. Herausragend agieren Soraya Mafi als kluge Nitocris und Susan Zarrabi als etwas dümmlicher Cyrus, der sich gleich nach dem Sieg über Belshazzar von goldenem Geschmeide einlullen lässt. Es gibt kurzen, gefälligen Beifall.
Jürgen Rickert
„Belshazzar“ (1745) // Oratorium von Georg Friedrich Händel
