Alljährlich bringen die Osterfestspiele Baden-Baden neben hochkarätigen Konzerten auch eine Oper heraus – in der Regel ein Mainstream-Werk, diesmal den „Lohengrin“. Die musikalische Seite ist hochkarätig, da man mit Piotr Beczała den derzeit wohl weltbesten Lohengrin engagieren konnte. Mit seiner Gesangskunst des astralen Schwanenritters in einem eleganten schneeweiß gefiederten Kostüm (Gesine Völlm) scheint er nun auf dem Zenit seiner Kunst. Man könnte sagen, dass seine hochemotionale und technisch erstklassige Interpretation der Titelfigur mit seinem lyrisch dramatischen Duktus nun die Grenzen der vokalen Göttlichkeit streift.

An seiner Seite treten ebenso erstklassige Kolleginnen und Kollegen unter der Stabführung von Joana Mallwitz am Pult des Mahler Chamber Orchestra auf. Rachel Willis-Sørensen ist eine jugendliche Elsa auf Augenhöhe: mit klangschönem und gut geführtem Sopran, wenn auch darstellerisch etwas verhalten. Wolfgang Koch als Telramund und Tanja Ariane Baumgartner als Ortrud sind ein boshaft ränkeschmiedendes dunkles Paar mit ebenfalls hoher vokaler Souveränität, Kwangchul Youn erneut ein respektvoller König Heinrich und Samuel Hasselhorn ein prägnanter Heerrufer mit bester Diktion.

Verwundern müssen die Masken von Telramund und Heinrich, wobei ersterer Karl Max gleicht, also zu alt wirkt, und letzterer einem ganz und gar nicht königlichen Landstreicher. Ortrud trumpft hingegen mit einem kunstvoll gesteckten, eleganten und widderartigen Putz auf, ideal für eine Fricka.

Der vom Schwarzwald geprägte Johannes Erath führt Regie und assoziiert die gesamte Aufführung mit einem schemenhaft tiefschwarz-grauen Wald, da von diesem etwas Märchenhaftes und auch Düsteres ausgeht. Er sieht im „Lohengrin“ völlig zu Recht ein trauriges Märchen für Erwachsene. Vor diesem Hintergrund öffnet sich in dem die Bühne umgebenden rechteckigen Leuchtrahmen immer wieder ein weiter Ring, in dem die Handlung spielt. Wie schon in der Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff bei den Osterfestspielen 2006 gibt es auch hier eine zentrale große Treppe. Nur ist die Treppe von Herbert Murauer diesmal rund und wirkt im Zusammenspiel mit den eingesetzten Videos (Bibi Abel) wie ein Fokus des Geschehens; oft erscheint sie wie die Iris eines menschlichen Auges. Das ist sehr ansprechend, während die beiden Ehebetten Kopf an Kopf mit dem dunklen Paar vorn und Elsa dahinter deplatziert wirken. Das kaum enden wollende Feuerwerk nach Lohengrins Sieg über Telramund streift die Grenzen des Kitsches und lässt mit einigen anderen Dingen den Eindruck eines allzu großen Dekorativismus und damit einer gewissen dramaturgischen Beliebigkeit aufkommen.

So bleibt das grandiose Orchester unter der kompetenten und engagierten Leitung von Joana Mallwitz neben den Sängern das Beste des Abends. Dabei soll auch der ebenso grandiose wie große Chor mit über 80 Sängern – elementar in dieser Oper – nicht unerwähnt bleiben. Er setzt sich aus dem Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn (Leitung: Petr Fiala) und dem Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) zusammen. Erstklassig!

Dr. Klaus Billand

„Lohengrin“ (1850) // Romantische Oper von Richard Wagner