Oper Frankfurt • Turandot Ein neuer Prolog für Puccinis „Turandot“
Eine Besonderheit der neuen Frankfurter „Turandot“ ist zunächst die Inszenierung. Andrea Breth ist zwar im Schauspiel zu Ruhm gelangt, aber längst auch in der Oper etabliert. Im Falle von „Turandot“ bietet sie zusammen mit Johannes Leiacker (Bühne) und Ursula Renzenbrink (Kostüme) ihre bewährte Melange aus analytischer Ambition und nüchtern klarer Ästhetik – also ohne historisierende Folklore und erklärtermaßen mit dem Fokus auf dem Gewaltregime, das in Puccinis Opern-Peking offensichtlich herrscht.
Dazu passt die von der Oper Frankfurt bei der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti in Auftrag gegebene Ergänzung des unvollendet gebliebenen Opus. Aber diesmal nicht – wie schon mehrfach – als Ergänzung des fehlenden Finales, sondern als Prolog für Kinderchor, gemischten Chor und Streichorchester, der unter dem Titel „Io tacerò“ („Ich werde schweigen“) nicht nur auf Liùs Opfertod, sondern auf das, was kommt, einstimmt. Den Zuschauern im Saal wird so, bei geschlossenem Vorhang, emotional die bedrohliche Atmosphäre nahegebracht, die für das Volk in einer Gesellschaft herrschen muss, in der das Köpfen von ausländischen Prinzen den Veranstaltungskalender des kaiserlichen Hofes bestimmt. Der Prolog beschränkt sich auf das Akustische. Aus sphärischen Klängen schält sich ein Rumoren, Fetzen von Stöhnen und Ächzen, Schreie und Wimmern der Massen heraus. Nach knapp zehn Minuten setzt Puccini ein – und klingt danach noch brutaler als sonst.
Der Vorhang öffnet sich wie ein Zoom und gibt den Blick in eine Welt frei, die vom Anzugsgrau der Bürokraten beherrscht wird. Drei historisch kostümierte Leibwächter geistern durch die Szene und schüchtern das teils gleichgeschaltete oder in Käfige verfrachtete Volk ein. Ein Relikt aus der Vergangenheit, das wie eine personifizierte Legitimierung der Gewalt wirkt. So wie die drei Minister als synchron agierende Bürokraten Sinnbild jener Strukturen sind, in denen auch Turandot nur eine Marionette ist – in dem Fall eine in ihr weibliches Spiegelbild projizierte Inkarnation patriarchalischer Gewalt.
Hier bewegt sich auch die Turandot der eindrucksvoll intensiven Elza van den Heever wie eine maskierte Marionette unnatürlich durch die Szene. Vokal wuchtig bietet ihr der Calaf von Alfred Kim zwar Paroli, aber innerhalb dieses perversen Systems, das sich gegen den offensichtlichen Willen des alten Kaisers (Michael McCown) hält, ist auch er keine Alternative. Die von Guanqun Yu mit menschlichem Mitgefühl ausgestattete Liù ist hier die Ausnahme. Das gesamte Solisten-Ensemble und die Chöre agieren auf Frankfurter – sprich hohem – Niveau. Thomas Guggeis sorgt mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester im Graben für genau die überraschend transparente, den Bombast meidende Klarheit, mit der auch die Inszenierung besticht.
Roberto Becker
„Turandot“ (1926 posthum) // Dramma lirico von Giacomo Puccini, ergänzt um den neuen Prolog „Io tacerò“ von Lucia Ronchetti
