Münchener Biennale • Codeborn Festivaleröffnung mit Zara Alis KI-Musiktheater
Fragt man ChatGPT, ob die oft totgesagte Oper denn noch Zukunft hat, kommt tatsächlich eine überraschend positive Antwort: „Solange Menschen Geschichten lieben, wird es Oper geben. Sie ist kein Museum, sondern eine sich wandelnde Kunstform, die in neuen Formaten aktuelle Themen aufgreift.“ Und beim Nachbohren, was diese neuen Stoffe wohl sein könnten, nennt der neunmalkluge Chatbot neben „Klimakrise, Migration und queeren Identitäten“ in bester Primadonnen-Manier auch gleich noch sich selbst, die „Künstliche Intelligenz“, als mögliche Protagonistin.
Da könnte das Stück „Codeborn“, mit dem Katrin Beck und Manuela Kerer als neue Künstlerische Leiterinnen ihre erste Biennale eröffnen, durchaus den Finger in die Wunde legen. Man denke etwa an den Streik gegen KI-generierte Drehbücher, der unlängst ganz Hollywood lahmlegte. Oder an die Folk-Musikerin Murphy Campbell, deren Stimme von einer KI geklont wurde, ehe ihr YouTube dann sogar noch für ihre eigenen Videos mit einer Copyright-Klage des digitalen Doubles drohte. Eine Geschichte, wie sie problemlos einer Episode des düsteren Netflix-Hits „Black Mirror“ entsprungen sein könnte.
„Codeborn“ will laut einem Statement im Programmheft jedoch weder Utopie noch Dystopie sein. Wodurch das Stück eher zu einer Bestandsaufnahme wird als zu einer Prognose, was die Zukunft uns oder dem Musiktheater bringen könnte. Und dies gilt irgendwie auch für die Komposition von Zara Ali, die phasenweise einen Dezibel-Pegel erreicht, wegen dem schon beim Einlass prophylaktisch Ohrenstöpsel verteilt werden. Was in der Münchner Muffathalle zunächst mit Knacken, Rascheln und elektronischem Pfeifen aus den Lautsprechern beginnt, weicht schnell großflächigeren Klangschwaden. Ali setzt auf eine harte, schroffe Tonsprache, in die sich mit zunehmendem Verlauf aber auch melodischere Anklänge an vergangene Epochen mischen: hier eine handwerklich gut gemachte Verneigung vor Henry Purcell, dort ein bisschen Kaija Saariaho und zur finalen Stretta nochmal etwas John Adams.
Dies passt aber durchaus zum Thema. Denn Künstliche Intelligenz ist momentan ja immer noch vor allem eines: gesammelte Intelligenz, die sich als diebische Elster bei den Errungenschaften anderer bedient. Ähnlich wie dieses assoziationsreiche groteske Durcheinander, das vom Regieduo Florentine Klepper und Deva Schubert überaus fantasievoll bebildert wird. Als Versuchsanordnung, in welcher der Mensch zum Analyseobjekt der KI degradiert wird. Dargeboten wird das von vier Sängerinnen und Sängern, deren Stimmen sich immer wieder in Extremregionen schrauben; begleitet und beobachtet von einem siebenköpfigen Instrumentalensemble im roten Fetisch-Outfit.
Da gibt es viel zu gucken und ordentlich was auf die zugestöpselten Ohren. Doch eine Geschichte, wie sie selbst von ChatGPT eingefordert wird, erzählt sich unter der bunten Oberfläche leider nur bedingt. Sinnentleerte Silbenfetzen wechseln mit neurowissenschaftlichen Erläuterungen und blumigen Sprachbildern, die sich oft bedeutungsvoller geben, als sie in Summe sind. Und Musiktheater lebt am Ende des Tages eben doch weniger von um sich selbst kreisenden Gedankenexperimenten, sondern vor allem von Emotionen. Zumindest, wenn man auch ein neues Publikum außerhalb der eigenen Bubble erreichen möchte.
Tobias Hell
„Codeborn“ (2026) // Musiktheater von Zara Ali
