Ein alter Mann – Typ Landstreicher – betritt die offene Bühne, die von einem überlebensgroßen Schriftzug beherrscht wird: SUPER. Der Landstreicher (Thomas Wolff), das sind vor allem der alte Candide und Voltaire. Ein Erzähler also, der die Handlung an den sonst unverständlichen Enden erzählt. Als Candide/Voltaire sich eine Zigarette anzünden will, gibt es bei SUPER eine Explosion. Als sich das wiederholt, greift der Mann zum Feuerlöscher. Alles klar – so SUPER ist das alles nicht …

Der Schriftzug dominiert am Theater Bielefeld hochgezogen einen Raum, in dem fortan sämtliche Erlebnisse in der Alten Welt stattfinden. Von dem Schloss im schönen Westfalen wird Candide (Andrei Skliarenko) vertrieben, weil er und Cunegonde (Veronika Lee) gelernt haben, dass der Mund zum Küssen gemacht sein muss. Es folgt eine Reihe von Widrigkeiten, die Candides Weltverständnis auf die Probe stellen: „Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, wie sehen dann die anderen aus?“ Er erfährt es. Voltaire lässt nichts aus, was an Kriegen und Naturkatastrophen damals die Welt heimgesucht hat: Bulgarische Soldaten marodieren das Land, in Lissabon erlebt er das Erdbeben, und dann tritt auch noch die Inquisition auf den Plan. Und doch hat Candide nur seine Cunegonde im Kopf! Siehe da, in Paris trifft er sie wieder – doch via Cádiz geht es in die Neue Welt.

Bis hierhin war es schon verwirrend genug mit Szenen- und Bühnenbildwechseln. Regisseur Wolfgang Nägele, Bühnenbildner Thilo Ullrich und Kostümbildnerin Annette Braun haben einen bunten Reigen erarbeitet, der nicht nur hinter den Kulissen verdammt viel Beweglichkeit von allen Akteuren verlangt. Was so spielerisch leicht aussieht, ist härteste Arbeit in einstudierten Abläufen. Großes Lob also auch der Choreografin Gal Fefferman.

Für den musikalischen Teil des grandiosen Abends ist Gregor Rot zuständig. Schon bei der Ouvertüre wird klar, dass die Bielefelder Philharmoniker mustergültig einstudiert wurden. Bernsteins Liebe zu klaren Blechbläsersätzen ist ebenso herausgearbeitet wie sein Umgang mit der klassischen Musik der Alten Welt. Aber auch hier kommt immer wieder Rhythmus ins Spiel – man kann den Abend musikalisch als „beschwingt“ loben.

Auch in der Neuen Welt geht es drunter und drüber, eigentlich noch mehr als in der Alten. Denn hier sind es ganz andere Rhythmen, die den Ton angeben. Das Lebensgefühl ist ein anderes, beispielsweise herrscht der Tango. Aber bei allen Überraschungen, die Candide zustoßen, leiden weder seine Naivität noch seine Liebe zu Cunegonde. Bewundernswert, wie Andrei Skliarenko und Veronika Lee ihre Rollen ausfüllen und den Überblick über das Geschehen behalten. In das Lob eingeschlossen werden müssen alle anderen Solistinnen und Solisten, von denen mehrere in vielen Rollen nacheinander auftreten.

Am Ende landet die Gesellschaft in Venedig, also wieder in der Alten Welt. Es zieht sich, bis Candide und die mittlerweile schwer vom Leben gezeichnete Cunegonde zueinanderfinden. SUPER war es nicht, was den beiden widerfahren ist – das Theater Bielefeld aber hat eine SUPER-Arbeit abgeliefert.

Ulrich Schmidt

„Candide“ (1956/74/88) // Comic Operetta von Leonard Bernstein in der Scottish Opera Version

Infos und Termine auf der Website des Theaters Bielefeld