Dass Bizets „Perlenfischer“ 163 Jahre (!) nach der Pariser Uraufführung erstmals an der Wiener Staatsoper zu hören sind, ist angesichts des melodisch reizvollen Werks kaum vorstellbar. Daniele Rustioni, ebenfalls zum ersten Mal am Haus am Ring, leitet fantastisch das Orchester und den großartigen Chor (Einstudierung: Martin Schebesta), der fast schon solistischen Charakter zeigt. Mit umfassender Eleganz und Schönheit zieht er endlos schwebende Bögen und bringt die Geschichte lebendig, dramatisch und mit großem Farbenreichtum dar. Die Sänger werden nicht nur behutsam begleitet, auch atmosphärische Ausdruckskraft erklingt intensiv aus dem Orchestergraben, sodass das unruhige Meer mit hohen Wellen, Sturm, Feuer und die Emotionen um Liebe, Verrat und Verzicht erlebbar werden. Ein wunderbares Hausdebüt!

Juan Diego Flórez präsentiert einen eleganten Nadir, aber leider hat seine Stimme an Strahlkraft und Durchschlagsfähigkeit verloren – er klingt oft zu flach und so verzaubert selbst seine bekannte Arie über die liebliche Erinnerung an Leïla nicht. Seine Partnerin Kristina Mkhitaryan verfügt über sehr zarte pianissimi und leichte Koloraturen beim Gebet und bringt auch die nötige dramatische Kraft am Ende auf, als sie um das Leben des Geliebten kämpft. Ein weicheres Timbre und weniger Schärfe bei den fortissimo-Spitzentönen würden dennoch mehr gefallen. Ludovic Tézier besticht mit noblem Bariton, Klangschönheit und Stimmkraft als konkurrierender Freund Zurga. In seinem Monolog berührt er mit enormer Ausdrucksstärke, verspricht mit herrlichen Belcanto-Linien die schönste Perle und kann auch Eifersucht, Zorn und seine innige Liebe zu Freund und Frau optimal ausdrücken. Als Nourabad will Ivo Stanchev mit gutem Bass Ordnung bewahren.

Regisseur Ersan Mondtag, auch für die Ausstattung verantwortlich, ersetzt Perle durch Textil. So werden anfangs Arbeiter in einem Färberdorf statt Perlentaucher in Ceylon ausgebeutet – beides gesundheitsgefährdend und lebensgefährlich. Da kann die übergroße, magersüchtige Schaufensterpuppe, die während dem Priesterinnen-Gebet eingekleidet wird, als Leïla repräsentierende Göttin gedeutet werden. Wenn jedoch im zweiten und dritten Akt in einem kahlen Marmor-Luxuseinkaufszentrum namens „Carmen“ von „Booten, die den Strand erreichen“, vom schäumenden Meer und „den Sternen, die im Blau der Fluten, baden“ gesungen wird und Leïla vor Angst zittert (in der ruhigen, menschenleeren Shoppingmall statt am einsamen Felsen?), fehlt jeder Zusammenhang zwischen der Opernhandlung und dem Geschehen auf der Bühne. Personenregie ist überhaupt nicht vorhanden, Sänger und Chor stehen herum und man könnte vermuten, dass die Priesterin eine Mode-Ikone ist – aber was Nadir, Zurga und Nourabad in dieser Neuproduktion darstellen sollen, erschließt sich nicht. Wofür der Konsumtempel ohne Kunden und Verkäufer einen etwa 50-köpfigen Security-Chor benötigt, wird auch nicht erklärt. Und so empfängt das Regieteam am Ende einen Buh-Orkan. Schade um die vergebene Chance, die „Perlenfischer“ wieder auftauchen zu lassen.

Susanne Lukas

„Les pêcheurs de perles“ („Die Perlenfischer“) (1863) // Oper von Georges Bizet

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