Unter den in den vergangenen Jahren am Staatstheater Augsburg herausgebrachten zeitgenössischen nordamerikanischen Opern blieb Philip Glass’ „In der Strafkolonie“ nach Kafka die mit Abstand packendste. So bot sich an, den Komponisten noch einmal ins Programm zu nehmen. Die Wahl fiel nicht auf einen seiner großen historischen Opern-Stoffe wie „Satyagraha“ (über Ghandi) oder „Einstein on the Beach“, sondern auf das berühmte, in Augsburg letztlich schwer herzig ausgehende französische Märchen „La Belle et la Bête“.

Dieses wird aber wiederum nicht in der von Glass vorgesehenen Fassung – also als Soundtrack synchron zu Jean Cocteaus Film aus den 1940er Jahren – umgesetzt, sondern als Bühnenproduktion mit handelnden, nicht nur singenden Darstellern. „Wir sind kein Kino, wir sind ein Theater“, lautet die dramaturgische Begründung – so verständlich wie außer Acht lassend, dass dann doch recht ausgedehnte Filmsequenzen die Aufführung begleiten (und dass gerade das Staatstheater Augsburg pionierhaft tätig ist hinsichtlich VR-Produktionen).

Nun gut, sei’s drum. Also die anrührend-schaurige Liebesgeschichte zwischen der schönen und vor allem guten Tochter eines in allerlei Nöte geratenden Übersee-Kaufmanns (Shin Yeo) und einem wenig attraktiven Viech von wüstem Äußeren, aber butterweicher Seele. Zügig, in hohem Gesangstempo zu Glass’ repetitiver, in sich kreisender Musik vollzieht sich die pausenlos 90-minütige Oper, an deren Finale ein spezifisch Augsburger Happy End steht: Aufgrund der herzensguten Belle (natürlich und angemessen keusch: Luise von Garnier) wandelt sich das halbe Untier erlösend in einen hochgewachsenen Vollprinzen, der fürs anstehende Erbe noch eine Königin benötigt. Also: alles gut. Aber eigentlich – sichtbar – verwandelt sich das halbe Untier gar nicht, weil es eh darstellerisch aufgespalten ist in eine aggressive stumm agierende Hälfte (Georges Khoukaz) und eine rein und mild singende attraktive Prinzen-Seele (Wiard Witholt).

Zur Schauerromantik dieser von Regisseurin Susanne Lietzow betreuten Produktion gehört auch, dass das Viech, im wahren Leben ein Wrestling-Kämpfer, zusammen mit der Kampfsportschule Augsburg eine Folge von Show- und Action-Bühnenkämpfen einstreut. Wobei kaum die Bemerkung unterdrückt werden kann, dass ein guter Wrestling-Kämpfer nicht unbedingt auch ein überzeugender Musiktheater-Pantomime ist. Jedenfalls wird einiges an zeitgenössischer Show-Kampf-Technik aufgeboten – bis hin zu den luxusdekadenten Schnepfen-, Schicksen- und Giftschlangen-Auftritten von Belles bösen Schwestern (Olena Sloia und Jihyun Cecilia Lee). Bei ihnen hat die Aufbretzelungs-Chirurgie etliche Überstunden abgeleistet.

Kann man auch der großorchestralen Partitur von Philipp Glass’ Oper gewiss keine Psychologisierung der handelnden Personen nachsagen, so wirkt sie doch in ihrem permanenten Anheben zu Kurzhymnen soghaft, ja Hörtrance und Hörrausch erregend. Zumal, wenn sie so suggestiv und farbig erklingt wie von den Augsburger Philharmonikern unter Domonkos Héja. Das Publikum ist begeistert.

Rüdiger Heinze

„La Belle et la Bête“ („Die Schöne und das Biest“) (1994) // Oper von Philip Glass

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Augsburg