Bergen International Festival • Nattfolket Uraufführung einer fantasievollen Familienoper
In Indre Kluredal ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Der Bürgermeister des fiktiven norwegischen Dorfes verhandelt mit zwei Investoren über die Abholzung des nahegelegenen alten Eichenwaldes, um dort zu bauen. Dadurch sind auch die dort lebenden Naturwesen bedroht. Als Gegenschlag raubt eine Hexe den Verantwortlichen ihre Stimmen und nimmt ihnen damit die Freude am Singen. Dagegen wollen der Knabe Noah und das Baummädchen Ciril angehen. Sie reisen zur Königin in die Hauptstadt und gewinnen sie für die Rettung des Forstes.
So märchenhaft verpackt setzt sich die Familienoper „Nattfolket“ für Menschen ab 8 Jahren mit Umweltfragen und Naturschutz auseinander. Ihre Uraufführung findet im Rahmen des Bergen International Festivals 2026 im idyllisch gelegenen Cornerteateret statt, einem von Off-Theatergruppen jeglicher Couleur genutzten Kulturzentrum mit kleinem Bühnenraum. Für „Nattfolket“ hat ihn Vasylyna Kharchevka in einen magisch beleuchteten Ort verwandelt. Darin inszeniert Erik Ulfsby die Geschichte mit viel Fantasie, Pep und hohem Tempo.
Alles ist in Bewegung, selbst das auf beidseitigen Treppen platzierte Kammerorchester, von Ingar Bergby präzise und mit sichtbarem Vergnügen geleitet, dreht sich bei Szenenwechsel. Es gibt viel zu bestaunen: mit Blättern, Federn und Zweigen ausstaffierte Tier- und Pflanzenkreaturen (Kostüme: Ingrid Nylander), handfeste Komik der Investoren, Hexenspuk und eine Verführungsszene der Königin (sehr witzig und ausdrucksstark: Ivi Karnezi), in der sie Kjell (Håvard Stensvold) mit Carmens „Habanera“ bezirzt. Wie sie auf ihn aufmerksam geworden ist? Über eine Dating-App, die ihr die Youngsters zeigen – einer von Ulfsbys Regieeinfällen, die das Geschehen in die Gegenwart holen. Und auch die Romantik kommt nicht zu kurz: Noah (Maia Reppe) und Ciril (Eldrid Gorset), als moderne Verkörperung von Papageno und Papagena angelegt, entwickeln eine zarte Zuneigung zueinander und kommen sich durch Mozarts Arien und Duette näher.
Überhaupt sind Zitate aus der „Zauberflöte“ ein wichtiges Element in der bunten, aber durchaus anspruchsvollen Partitur von Knut Vaage. Sie enthält zwar weitere Opernanklänge, wie die erwähnte „Habanera“, und eine Prise Volkstümliches, aber auch recht sperrige Tonfolgen. Kindgerecht ist die Musik nicht, zumal auch eingängige Songs fehlen. Die anwesenden Kids scheint es nicht zu stören, sie verfolgen die knapp 90-minütige, pausenlose Aufführung aufmerksam. Was auch an der stimmlichen Stärke und darstellerischen Lebendigkeit des Gesangsensembles liegt, zu dem in den chorischen Passagen der Kinder- und Erwachsenenchor des Grieg- Vokalensembles tritt. „Nattfolket“ ist eine Koproduktion mit den Opernhäusern in Oslo und Trondheim und wird später dorthin weiterwandern.
Karin Coper
„Nattfolket“ („The Night People“) (2026) // Familienoper von Knut Vaage (Musik) und Bjørn Sortland (Libretto)
