Diese „lyrische Komödie“ ist eine artifizielle Alternative zur Operette der Weimarer Republik, die heute eine bemerkenswerte Aufwertung erfährt. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss setzten sich radikal ab von Franz Léhar, Eduard Künneke oder Leo Fall. Aber „Arabella“ ist und bleibt problematisch. Das Opus 79 erlebte am 1. Juli 1933 – wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme – in der Strauss-Hochburg Dresden seine höchst repräsentable Uraufführung. Die Melange aus Spätest-Biedermeier und vorbewusster Anpassung an den 1933 mit antihumaner Vehemenz durchbrechenden Zeitgeist verursacht konzeptionelle Kopfschmerzen. Im genial wuselnden Orchestersatz des zur Entstehung über 65-jährigen Strauss herrscht dazu eine intime bis virtuose Dauerexplosion. Darüber finden die Stimmen in Gera häufig und erstklassig zu echten Melodie-Juwelen über „zweifelhafte Existenzen“.

Die Regie des Generalintendanten Kay Kuntze und die eher Richtung 1900 vorpreschende statt in der beginnenden goldenen Operettenära nach 1860 bleibende Ausstattung von Benita Roth zeigen kluge bis böse Details. Man denkt an das Wien von Schnitzler und Felix Salten. Es wird deutlich, dass es beim Fiakerball an diesem Faschingsdienstag um Alles oder Nichts geht. Die nonbinäre Fiakermilli (Julia Gromball mit sensationell verlangsamten, zwei bis dreideutigen Koloratur-Seidenbändern) entfesselt bei Frauen und Männern ein erotisches Roulette. Überhaupt ist die Metropole des Habsburger Vielvölker-Reichs mit feinen Andeutungen präsent. Arabella besingt in ihrem Monolog den Kopf der von Mandryka erlegten Bärin.

GMD Ruben Gazarian liefert eine für jedes große Haus ehrenvolle Prachtleistung. Das hervorragend disponierte Philharmonische Orchester Altenburg Gera, die für den kleinen Part mit dem Opernchor und Philharmonischen Chor Gera groß besetzten Massen (Leitung: Judith Bothe) fluten ebenfalls mit Dichte und einem melancholischen Schleier sogar im Fortissimo. Aus den Solostreichern von Arabellas Monolog raunen Primas-Klänge. Gera kann unverändert stolz auf sein auch diesmal lautstark und auch von vielen angereisten Zuschauern umjubeltes Ensemble zeigen. Eigentlich unverständlich, dass Anne Preuß noch immer nicht an ein größeres Haus geholt wurde. Sie modelliert die komplexe Titelfigur als Produkt einer Umwelt der Paradoxe. Subtil auf gleicher Ebene ist Natalie Image als Zdenka mit warmen Silbertönen und empathischen Gesten. Jongwoo Kim gibt einen Matteo mit ehrlicher Leidenschaft und ernstem Gestus. Johannes Beck ist ein Graf Waldner mit erstarrenden Routinen, Rita Lucia Schneider eine interessant zwischen Resignation und Mondänität changierende Adelaide. Alejandro Lárraga Schleske gibt keinen zu charismatischen Retter Mandryka. Immer wieder blitzt auf, dass Mandrykas dem vergöttlichten und dadurch noch mehr entmündigten Geschlecht dennoch eine relativ hohe Wertschätzung entgegenbringt.

Roland H. Dippel

„Arabella“ (1933) // Lyrische Komödie von Richard Strauss

Infos und Termine auf der Website des Theaters Altenburg Gera