Die Bregenzer Festspiele stehen für Oper als spektakuläres Gesamtkunstwerk. So war die Erwartung an die neue Seebühnenproduktion entsprechend hoch und das riesige „Traviata“-Bühnenbild mit seinem hochkomplexen, beweglichen Spiegel sorgte bereits Monate vor der Premiere für Aufmerksamkeit. Umso überraschender, dass die szenische Umsetzung das enorme Potenzial dieser außergewöhnlichen Bühne nur teilweise ausschöpft. Dabei ist der konzeptionelle Ansatz von Regisseur Damiano Michieletto durchaus schlüssig: Ein monumentaler Spiegel steht für die Fragilität des Augenblicks, Erinnerung und Vergänglichkeit und spiegelt zugleich den Gegensatz zwischen der glitzernden Welt der Feste und Violettas Einsamkeit.

Michieletto betonte im Vorfeld, ihn fasziniere die Fähigkeit der Bregenzer Seebühne, trotz ihrer Größe Intimität zu bewahren. Genau dieser Gedanke bildet den Kern seiner Regie – und zugleich ihr teilweises Scheitern. Die fein gezeichneten Szenen zwischen Violetta, Alfredo und Germont mögen aus der Nähe große emotionale Kraft entfalten, für die 6.700 Zuschauer verlieren sich die Nuancen aber oft in der Weite der Bühne. Leider vertraut Michieletto dem psychologischen Detail mit sensibler Lesart mehr als der großen theatralischen Geste, was die monumentale Bühne nicht mitträgt. Und auch der technisch faszinierende Spiegel bleibt über weite Strecken eher Kulisse als Motor der Handlung. Wenn sich im zweiten Teil die geheimnisvolle schwarze Kugel aus seinem Inneren herausschiebt, erwartet man vergeblich einen dramaturgischen Höhepunkt, denn die anfängliche Wirkung des eindrucksvollen Objekts verpufft letztlich folgenlos. Ähnliches gilt für die Videokunst von Roland Horvath. Statt die Bühne als zusätzliche Erzählebene zu nutzen, beschränkt sie sich meist auf atmosphärische Projektionen, die zwar poetische Momente auf dem Spiegel erschaffen, insgesamt aber wenig originell und dramaturgisch weitgehend uninteressant sind. Angesichts der technischen Möglichkeiten hätte man sich deutlich mutigere und visuell überraschendere Akzente gewünscht.

Ihre stärksten Momente entwickelt die Inszenierung während der fantasievoll in den See integrierten Massenszenen. Hier schaffen Chor, Tänzer und Statisterie wirklich eindrucksvolle Bilder. Dass zahlreiche Protagonisten über lange Strecken im Wasser agieren, beeindruckt zunächst, nutzt sich aber im Laufe der Zeit etwas ab. Großen Anteil an der visuellen Wirkung haben dagegen die Kostüme von Carla Teti. Sie greifen die Ästhetik der Goldenen Zwanziger stilsicher auf und verleihen insbesondere den Ensembleszenen Farbe und Spielfreude. Die fantasievollen Chorbilder mit Schwimmern und Schwimmreifen gehören zu den gelungenen Einfällen des Abends. Gleichzeitig setzen Violettas glitzernde Roben markante Akzente: Oft sind sie die einzigen kräftigen Farbpunkte auf der bewusst reduziert gehaltenen Bühne und unterstreichen wirkungsvoll die isolierte Stellung der Protagonistin.

Der eigentliche Triumph des Abends liegt jedoch in der Musik. Die Wiener Symphoniker agieren unter der Leitung von Kirill Karabits mit Eleganz, Präzision und feinem Gespür für Verdis Partitur. Karabits spannt die großen melodischen Bögen mit viel Ruhe und kluger Dramaturgie, ohne den Sängerinnen und Sängern jemals die Bühne zu nehmen. Einen entscheidenden Anteil daran hat einmal mehr die exzellente Bregenzer Tonanlage, deren natürliche Klangbalance weltweit Maßstäbe setzt.

Überragend ist Marjukka Tepponen als Violetta. Sie trägt den Abend mit großer Ausdruckskraft und schafft es als Einzige, Michielettos Idee von Intimität glaubhaft zu vermitteln. Julien Behr überzeugt als Alfredo mit lyrischem Schmelz und hörbarer Leidenschaft, Vladimir Stoyanov verleiht Giorgio Germont mit markantem Bariton und großer Bühnenpräsenz ein eindrucksvolles Profil. Chor und Ensemble runden den hervorragenden musikalischen Gesamteindruck ab.

So hinterlässt diese „Traviata“ einen zwiespältigen Eindruck. Musikalisch erlebt man zweifellos eine starke Produktion – hervorragende Solisten, die Wiener Symphoniker und eine legendäre Akustik machen den Abend zu einem großen Opernerlebnis. Szenisch jedoch bleibt eine intelligente und poetische Regie hinter den Möglichkeiten dieser spektakulären Bühne zurück. Ein kluges Konzept, das mehr versprach, als die Umsetzung am Ende einzulösen vermag.

Iris Steiner

„La traviata“ (1853) // Oper von Giuseppe Verdi

Infos und Termine auf der Website der Bregenzer Festspiele