Salzburger Festspiele • Ariadne auf Naxos Richard Strauss’ Oper mit vielen bunten Bildern und wenig Regie
Eine hohe Kuppel überwölbt die leere Bühne. Kein Mobiliar, dafür viel Treppe. In Hugo von Hofmannsthals Libretto befinden wir uns „im Hause eines großen Herrn“. Regisseur Ersan Mondtag verlegt die Wiener Luxusimmobilie auf den Mars. Durch ein riesiges Bullauge schaut man auf eine unbewohnte, von Kratern durchsetzte Landschaft. Ein sehr reicher Mann hat hier eine neue Bleibe gefunden. Ob freiwillig oder durch die Zerstörung der Erde erzwungen, weiß man nicht. Mit diesem Setting thematisiert die Regie die Hybris der Superreichen. Kann man machen. Aber: Nur bunte Bilder und schiefe Ideen sind zu wenig. Von Luxus und Exklusivität ist nichts zu spüren; am Himmel herrscht (die KI tut ihr Bestes) dichter Flugverkehr. Den Mars gibt’s auch schon in der Economy Class.
In dieser Halle soll die Oper „Ariadne“ gegeben werden, die Geschichte der von Theseus verlassenen Königstochter. Als der Hausherr den Gästen noch ein wenig Buffo-Oper reichen will, verliert der Komponist die Fassung. Kate Lindsey überdreht in Dauerentrüstung ihren lyrischen Mezzosopran gnadenlos. Die Stimme verhärtet sich, die leuchtenden Bögen, die Richard Strauss dieser Rolle eingeschrieben hat, stehen unter großer Anspannung und klirren. Schade.
Nach der Pause hat sich der Wüstenplanet in eine Totenlandschaft verwandelt, mit großen Tierkadavern (Achtung: Zivilisationskritik!), einer Menge Schnee und einer frierenden Ariadne. Mit den zärtlichsten Tönen öffnen die Wiener Philharmoniker unter Manfred Honeck in unendlicher Ruhe diesen Trauer-Klangraum, und Christina Nilsson spinnt zauberhafte Pianofäden. Alles könnte gut werden, doch dann kommt schlecht choreografiertes Ballett. Das hyperaktive Gezappel der Tänzerinnen und Tänzer um Ariadne ist der Todesstoß für die Magie dieser Szene. Najade, Dryade und Echo holen uns noch einmal rein in den Zauber der Musik – Jasmin Delfs, Anja Mittermüller und Marlene Metzger sind von betörendem Wohlklang. Von der Regie werden sie fahrlässig sich selbst überlassen. Auch die dunkel timbrierte und in der Stratosphäre fabelhaft tirilierende Zerbinetta der chinesischen Sopranistin Ziyi Dai bleibt als Charakter blass und tänzelt mit dem Gestenrepertoire von vorgestern durch ihre Auftritte.
Breitbeinig, in goldener Rüstung, mit Flügelhelm und wehendem Haupthaar posiert am Ende Bacchus, Ariadnes Erlöser, im Bullauge. Eric Cutler untermauert seine physische Präsenz mit Kraft und ungefährdeten Strahletönen. Eine zu groß geratene Playmobil-Figur, die für genervte Lacher im Publikum sorgt. Spätestens hier hört man auf, die Produktion ernst zu nehmen. Und kommt damit dem Regisseur entgegen, der nicht plausibel machen kann, was er uns sagen möchte. Die bedauernswerte Christina Nilsson quittiert die Ankunft des Helden mit einem gequälten Dauerlächeln, setzt sich den Flügelhelm auf und verschwindet mit ihrem Liebsten im bereitstehenden Raumschiff. Wohin die Reise geht, ist unklar, aber auch nicht von Belang: Am Ende dieser Regiekatastrophe steht passenderweise die Explosion einer Supernova.
Michael Atzinger
„Ariadne auf Naxos“ (1912/16) // Oper von Richard Strauss
