Arena di Verona Opera Festival • La traviata Verdi klassisch überzeugend
Auf dem Programm des 103. Arena di Verona Opera Festivals steht eine „Traviata“-Neuinszenierung von Regisseur Paul Curran. Sie bewegt sich im Stile der klassischen Zeffirelli-Ästhetik, die sich im direkten Vergleich mit Stefano Podas „Nabucco“-Produktion auch als die passendere für die Dimensionen und die Atmosphäre der etwa 2.000 Jahre alten römischen Arena mit ihren bis zu 14.000 Besuchern erweist.
Juan Guillermo Novas im Wesentlichen klassizistisch und in Dunkeltönen gehaltenes Bühnenbild mit Referenzen an das Paris Mitte des 19. Jahrhunderts hebt besonders in den Fest-Szenen den damals so bedeutsamen Stil der großen Salons hervor. Ein Hauch von Moulin Rouge mit der Windmühle, einem großen Elefanten und einer riesigen Flasche Sekt im Kühler verströmt überschwängliche Varieté- und Nachtclub-Atmosphäre – ein Bühnenbild ganz im Stil der damaligen Zeit.
Ob die fantasievolle Choreografie von Kyle Lang, die vielfältigen und in großem Maße avantgardistisch gestylten Kostüme (Stefano Ciammitti) oder die Bewegungen der Statisten: Alles passt bestens zusammen und strahlt große Authentizität aus, die auch beim Publikum gut ankommt. „La traviata“ wird mit eindrucksvoller Personenregie und auf die jeweilige Situation subtil abgestimmter Beleuchtung (Fabio Barettin) genau erzählt. Diese Form der Werk-Interpretation scheint für die Arena und ihr Publikum, das in seiner Mehrheit nicht zum harten Kern ständiger Opernbesucher gehört, genauso das Richtige zu sein.
Der von Roberto Gabbiani geleitete große Chor der Fondazione Arena di Verona agiert wie schon bei „Nabucco“, „Aida“ und „Turandot“ an den Abenden zuvor erstklassig, mit kraftvollen Stimmen bei guter Transparenz der einzelnen Gruppen und guter Bewegungsregie.
Gilda Fiume ist eine facettenreiche und klangvolle Violetta. Sie besticht durch lang gehaltene Bögen, herrliche Piani und ein darstellerisch wie vokal zu Herzen gehendes Finale. Enea Scala singt den jungen, draufgängerischen Alfredo mit großer Emphase, darstellerisch einnehmend, mit schön klingender, aber nicht allzu großer Stimme. Youngjun Park ist ein souveräner Giorgio Germont, der sich mit Violetta einen von viel Emotion getragenen Dialog im fantasievoll gestalteten Landhaus bei Paris leistet. Anna Werle gibt eine engagierte und attraktive Flora, Francesca Maionchi überrascht mit einem klangvollen Sopran als Annina. Die weiteren Nebenrollen sind ausnahmslos gut besetzt.
Francesco Ivan Ciampa leitet das Orchestra di Fondazione Arena di Verona mit äußerst Verdi- und Arena-erfahrener Hand und ist beim Klangkörper offenbar sehr beliebt – vor dem dritten Akt zollt dieser ihm einen emphatischen Sonderapplaus. Herrlich sind die zarten Streicher im Vorspiel zu hören, wie auch im späteren Verlauf immer wieder eine fast mystische Aura bei der speziellen Musik der „Traviata“ vom Veroneser Graben ausgeht. Verdi at his best!
Dr. Klaus Billand
„La traviata“ (1853) // Oper von Giuseppe Verdi
