Kleinmütig hat Greta Călinescu ihre Intendanz am Theater Ulm gewiss nicht begonnen. Ganz große Oper, Fromental Halévys „La Juive“, steht auf dem Herbstprogramm. Eigentlich was für Landeshauptstadtbühnen, mindestens. Aber gut, an die „Meistersinger“ hatte sich Ulm neulich ja auch getraut und erstaunlich gute Figur gemacht. Und das Zeichen, das mit der im Paris des 19. Jahrhunderts nahezu ununterbrochen gespielten fünfaktigen „Jüdin“ gesetzt werden soll, ist ja auch aller Ehren wert: den Irrsinn aufzuzeigen von Religionskrieg im Politischen wie im Privaten, hier zwischen Judentum und Christenheit.

Dies dürfte in Ulm zwar gelungen sein, aber gleichzeitig wurde man auch künstlerischer und vermittelnder Grenzen gewahr, die dem ambitionierten Projekt einen zusätzlichen Hauch Tragik beimischen. Das fängt beim noch schmaler betexteten Programmheft an (Vorgeschichte plus Handlung der Oper in 21 Druckzeilen), das setzt sich bei der Einführungsveranstaltung per Video fort und endet auf kleiner Flamme in einer spröd-spärlichen Regie von Marco Štorman, die Kammerspiel sein möchte, aber in teils ungeschickter, teils alberner Personenführung versickert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Kritisiert wird nicht ein unterlassener Pomp, nicht das gestrichene Ballett, nicht die fehlenden Volksaufläufe. Der Verdienst von Inszenierungen höheren Konzentrations- und Abstraktionsgrades sind durchaus bekannt. Aber hier bekommt man es doch mit allzu viel theatraler Schlichtheit zu tun. Bedauerlich als Einstand.

Der Jude Eléazar ist gewiss kein Nathan der Weise. Sicher, es wurde ihm einst grauenvoll mitgespielt durch den jetzigen Kardinal de Brogni, der zwei Söhne Eléazars als Ketzer verbrennen ließ. Seitdem nun sinnt der Jude auf Rache, und die Möglichkeit dazu stellt sich denn auch ein: Indem Eléazar die einst für tot gehaltene Tochter Brognis aufgezogen hat, steht ihm ein Instrument zur Verfügung, weil diese vermeintlich jüdische Tochter Rachel wegen ihrer Verbindung zum christlichen Reichsfürsten Léopold ebenfalls zum Tode verurteilt ist. Und Eléazar liefert lieber – religiös fanatisch untermauert – sich selbst und sein angeblich so geliebtes Ziehkind ans Messer, als dass er rechtzeitig zugunsten Rachels den Sachverhalt klärt. Brogni lässt sein eigenes Kind hinrichten. Erst dann redet Eléazar.

In Ulm hat das Ganze auch Züge einer Kolportage, insbesondere in der Darstellung des Reichsfürsten Léopold, den allerdings Joshua Spink mit hellem, hohem, wendigem französischen Tenor singt. Auch der Ulmer Sängerinnen-Neuzugang Iida Antola als Titelfigur Rachel wertet die Produktion mit schön und kräftig geführtem Sopran auf, während Markus Francke als Eléazar ein wenig schwankt in der Qualität seines Tenors. Und das Orchester unter GMD Felix Bender? Ist gefordert und steigert sich nur langsam dramatisch. An Überzeugungskraft darf in Ulm zugelegt werden.

Rüdiger Heinze

„La Juive“ („Die Jüdin“) (1835) // Oper von Fromental Halévy

Infos und Termine auf der Website des Theaters Ulm