Die mehrfach für Film und Bühne adaptierte Erzählung „Das kalte Herz“ aus Wilhelm Hauffs Rahmenhandlung „Das Wirtshaus im Spessart“ wurde immer wieder als Darstellung kapitalistischer Energien während der industriellen Revolution gedeutet. Statt der Geister Schatzhauser und Holländermichel treten in Matthias Pintschers viertem Musiktheater und dem ersten Libretto des Pianisten Daniel Arkadij Gerzenberg viele Frauen um Peter: Hier ist es seine Mutter und nicht Peter selbst, welche den Herztausch will. Sie soll den auserwählten Sohn opfern. Es gibt keinen Totschlag des im Original jähzornigen Peters an seiner Frau Clara und keine Rückverwandlung des ehrlich Bereuenden in einen guten Mann. Dafür versetzen Komponist und Autor zwei verfraulichte Gottwesen – den altägyptischen Anubis und den alttestamentarischen Azaël – an Hauffs originalen Schauplatz. Der deutsche Wald ist zur Uraufführung der für die Staatskapelle Berlin in nur drei kurzen Sommerpausen komponierten Partitur zu hören und auch zu sehen: Adam Rigg hängt ihn in seinem Bühnenbild als Fototapete mit mattem Herbstgold und trübem Wintergrau an Züge. Nichts Gutes verheißend also für das metropolitane Publikum – und trotzdem poetisch.

Die Handlung wird durch den Regisseur James Darrah Black nicht begründet, dafür aber mit bedeutungsschwangeren Pantomimen ausgekostet. Die großartige Sunnyi Melles kreiert mit Züngeln und Zischen als Azaël eine separate Wortoper. Nach den ersten exzessiven Bravi-Rufen folgt langer und intensiver Applaus. Das Werk kommt auch an, weil Molly Irelan für die Gottheiten an der Lindenoper Prunkkostüme in Karmin und Magenta präsentiert. Wildattrappen hängen an Haken, welche nach Peters Herzversteinerung symbollastig abgenommen werden.

Samuel Hasselhorn setzt mit imposanter Bariton-Potenz prachtvolle und weiche Töne. Die Stimme schwebt über den Klängen. Sie wird durch Pintschers Schmecken an den Silben und dem Abtasten der kurzen Sätze durch die Gesangsparts diszipliniert. In zwölf Bildern mit vier als „Waldmusik“ bezeichneten Zwischenspielen ähneln sich die Frauenfiguren: Katarina Bradić als jugendliche Mutter, Rosie Aldridge als mehr durch dramatische Bedeutung und kaum durch Spannung wirkende Anubis, Sophia Burgos als wie bei Hauff wenig bedeutende Clara und Adriane Queiroz als episodische Alte Frau mit wichtiger Erzählung.

Man hört aus dieser großen Waldmusik deutlich, dass da ein „romanticus novus“ am Kunstwerk der Gegenwart und einer echten „deutschen Märchenoper“ arbeitete. Zwei Trommeln durchziehen mit Peters „Herzschlägen“ die Partitur. Dabei ist Pintschers Oper wahrscheinlich die undramatischste Musikadaption von Hauffs Kunstmärchen überhaupt. Die raunend rätselnde Parabel über den Mann im Bann von Mutter, Partnerin, Geist und Göttin kommt unter dem Titel „Nuit sans aube“ in der französischen Fassung von Catherine Fourcassié im März 2026 an der Pariser Opéra-comique heraus. Pintschers Partitur verklingt nach den Worten „Nacht ohne Morgen“.

Roland H. Dippel

„Das kalte Herz“ (2026) // Oper von Matthias Pintscher (Musik) und Daniel Arkadij Gerzenberg (Libretto)

Infos und Termine auf der Website der Staatsoper Unter den Linden