Staatstheater Cottbus • AscheMOND oder The Fairy Queen Der „AscheMOND“ fasziniert bis zum atemlosen Staunen
Noch ins Inferno blitzt die Schönheit der Musik, Henry Purcell hat sie 1692 geschrieben. „The Fairy Queen“ sucht Tuchfühlung mit William Shakespeares „Sommernachtstraum“. Aber die wunderbaren Töne bleiben rar, wie eine Erinnerung. Komponist Helmut Oehring (*1961) zersägt die barocke Pracht notorisch. Reibungen knirschen. Sie machen eine Dystopie erkennbar. Es ist der Sound der Gegenwart, erschreckend aktuell, doch befremdlich. 2013 brachte die Berliner Staatsoper das enorm spannungsintensive Werk „AscheMOND“ zur weit beachteten Uraufführung. Nun wagt das Staatstheater Cottbus einen weiteren Versuch in neuer Fassung und präsentiert eine famose, dichte, sensibel ausgefeilte Produktion in der Regie von Sebastian Baumgarten.
Texte stapeln sich, die Musik sirrt, summt, kracht, betört und verstört. Dieser Kosmos aus Worten und Klängen fordert konzentrierte Betrachtung und lässt trotzdem Leerstellen, nicht alles will sich erschließen. Muss es auch nicht, denn die Macht, die Kraft dieser suggestiven Bilder bezwingt, fasziniert bis zum atemlosen Staunen. Thilo Reuther hat die Bühne mit feiner Finesse ausstaffiert: assoziative Räume, oft wechselnde Schauplätze für die Apokalypse zwischen Aufnahmestudio, Kiosk, Ruinen, Tankstelle oder Friedhof. Keine Dialoge reihen sich dabei, eher Aphorismen, die den Abgrund fokussieren. Die Musik pendelt von Purcell zu Oehring und retour, schleudert böse und gnadenlos Dissonanzen in den wohligen Schmaus.
Im ersten Rang sitzt das perfekt disponierte Barockensemble unter Leitung von Changmin Park, Alexander Merzyn dirigiert die zeitgenössische Partitur im Graben, oben spielen Akkordeonist Felix Kroll und der Komponist an den Gitarren. Verschiedene Ebenen und Schichten treffen hier kantig aufeinander: Purcell und Oehring; das Libretto von Stefanie Wördemann unterlegt sich u.a. mit Zitaten von Shakespeare, Adelbert Stifter und Heinrich Heine; choreografierte Gebärden übersetzt die gehörlose Performerin Kassandra Wedel als ätherisch-fragile Fairy Queen in ausdrucksintensive Momente; Hörspiel-Fetzen mischen sich ein, elektro-akustische Signale oder pure Lautmalerei. Pausenlos spult die Oper ab, platziert aus visuellen Schnipseln knisternde Endzeitstimmung – eine aufgeladene Wucht aus Worten und Klängen entsteht.
Sebastian Baumgarten ordnet das scheinbare Chaos, schafft Ordnung und behält Übersicht, ohne lineare Erzählstränge aufzublättern, garniert mit beklemmender Ästhetik. Aus den verschiedenen Elementen und Schichten entwickelt er vor allem Atmosphäre. Sie demonstriert eine bedrückend bedrohliche, schleichende Gefahr. Das Bewusstsein von Vergänglichkeit liegt schwer in der Luft, gipfelnd im Winter, umflort von Kälte und Gebrechen. Die Kostüme von Meentje Nielsen greifen diese Aspekte geschickt auf, das Videodesign von Philipp Haupt illustriert die Szenen plakativ.
Immens gefordert ist der Chor – und leistet Überragendes. Auch die Solisten sind in Hochform. Anne Martha Schuitemaker, Luzia Tietze, Heiko Walter und Dirk Kleinke schlüpfen rasant in zahlreiche Mini-Rollen, souverän bildet Countertenor Georg Bochow das Epizentrum. Der gesamte Apparat stemmt das ambitionierte Vorhaben mit Bravour. „AscheMOND oder The Fairy Queen“, so der lange Originaltitel, strengt an, rüttelt auf, beeindruckt tief. Das Publikum geht mit – zum Schluss gibt es Ovationen.
Jürgen Rickert
„AscheMOND oder The Fairy Queen“ (2013/26) // Oper von Helmut Oehring unter Verwendung von Musiken Henry Purcells in der neuen reduzierten Cottbuser Fassung des Komponisten
Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Cottbus
