Nach dem „Lohengrin“ in der umstrittenen Regie von Katharina Wagner im vergangenen Jahr widmet sich das Gran Teatre del Liceu wieder einem großen Werk des Bayreuther Meisters, seinem Opus summum „Tristan und Isolde“. Das Haus unterstreicht damit einmal mehr seine intensive Wagner-Pflege vor einem offenbar auch äußerst sachverständigen, überwiegend katalanischen Publikum.

Für die Regie wählte man die heimische Regisseurin Bárbara Lluch, die im vergangenen November am Teatro Colón in Buenos Aires durch eine wenig überzeugende Regie der „Salome“ von Richard Strauss aufgefallen war (s. „orpheus“ 01/2026). Hier wie dort hat es den Anschein, dass Lluch die dramatische und emotionale Intensität der Stücke in einer vornehmlich auf psychologische Aspekte abzielenden Regie umschifft. Sie setzt auf einen übertrieben wirkenden Minimalismus, der die musiktheatralische Spannung reduziert. Hinzu kommen Statisten, die bisweilen dramaturgisch bedeutende Nebenrollen spielen, aber in keiner Weise mit dem Inhalt des Stückes zu begründen sind, ja sogar rein willkürlich erscheinen. Urs Schönebaums Bühnenbild mit seiner wenig variierenden Lichtregie erschöpft sich in Schwarz-Grau-Tönen, die allerdings von geschmackvollen Kostümen (Clara Peluffo) begleitet werden. Abstraktion und Reduktion sind Trumpf …

Die musikalische Seite des Abends ist allerdings von erster Güte. Lise Davidsen verkörpert eine Isolde von königlichem Format, attraktiv und elegant in ihrer Erscheinung und in der Aktion, wobei die Intensität der Rollengestaltung bisweilen noch etwas zu kurz kommt. Ihr Sopran ist kraftvoll und potent. Sie projiziert ihn mit großer Opulenz auf den Wogen der Musik in den Saal, wobei sowohl die Spitzentöne wie auch eine mittlerweile breiter gewordene Tiefe und die fließenden Wechsel vom Forte ins Piano überzeugen. Ein intensiverer Gebrauch der Bruststimme könnte noch einiges optimieren.

Clay Hilley ist als Tristan neben dieser fast übergroßen Erscheinung darstellerisch etwas im Nachteil, bemüht sich aber mit seinem kraftvollen, jedoch nie die wünschenswerte Wärme und auch Resonanz ausstrahlenden Heldentenor redlich, auf Augenhöhe mitzuhalten. Brindley Sherratt überrascht mit einem glanzvollen Marke-Monolog, wortdeutlich und emotional im Ausdruck mit der tief sitzenden Erschütterung des erlittenen Verrats. Tomasz Konieczny gibt einen sehr guten Kurwenal, eine Rolle, die ihm, wie der Alberich, offenbar perfekt liegt. Ekaterina Gubanova ist wieder die bewährte Brangäne und harmoniert bestens mit der Isolde von Davidsen.

Susanna Mälkki dirigiert das Orquestra Simfònica del Gran Teatre del Liceu mit ruhiger und in den dramatischen Momenten sehr akzentuierter Hand, womit bisweilen ein nahezu kammermusikalisches Klangbild entsteht. Mit den guten Stimmen auf der Bühne ergibt sich somit der Eindruck einer musikalisch geschlossenen „Tristan“-Interpretation. Folgerichtig erhalten Lise Davidsen und Susanna Mälkki auch den weitaus größten Applaus.

Dr. Klaus Billand

„Tristan und Isolde“ (1865) // Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Gran Teatre del Liceu