Schon die ersten drei Abende von Richard Wagners „Ring“ an der Scala überzeugten durch eine stringente und optisch äußerst ansprechende Ästhetik, die den weitaus größten Teil des Mailänder und ausländischen Publikums begeisterte. Besonders begrüßenswert war, dass sich Regisseur David McVicar (mit szenischer Unterstützung von Hannah Postlethwaite) der Tetralogie aus einer Position von Demut und Achtung vor Wagners Opus magnum näherte und endlich einmal wieder den vom Komponisten für so bedeutsam gehaltenen Mythos zur Geltung brachte.

Das ist auch in der Premiere der „Götterdämmerung“ zu erleben, die – nachdem die ersten drei Abende von Simone Young geleitet wurden – diesmal von Alexander Soddy dirigiert wird. Man erlebt eine tiefschürfende, aus der Partitur heraus konzipierte und mit dem Ideenkodex Wagners in großem Einklang stehende Produktion, in der die oft mystische Lichtregie von David Finn bei äußerst geschmackvoll farbigen und bisweilen sehr facettenreichen Bühnenbildern eine wesentliche dramaturgische Rolle spielt.

In dieser „Götterdämmerung“ wird man regelrecht durch das Stück getragen, wobei immer wieder ein riesiger goldener Ring über der Szene aufleuchtet und Bezüge zu den drei Vorgängern sinnhaft und eindrucksvoll hergestellt werden. So ergibt sich eine thematische Klammer um diesen „Ring“. Die große Weltkugel aus der „Walküre“ liegt beispielsweise nun zur Hälfte vor der mit Menschenknochen angehäuften Gibichungenhalle im Mittelpunkt einer Gesellschaft, die vollkommen ersoffen ist in einem sinnlosen Goldrausch. Dieser ist so grotesk, dass der Tod hier und da schon lugt. Brünnhilde wird nach ihrer Ankunft auch gleich eine goldene Totenmaske aufgesetzt. Nicht nur hier hat Kostümbildnerin Emma Kingsbury große Fantasie entwickelt und für Protagonisten wie Statisten sinnfällige und auf die allgemeine Optik perfekt abgestimmte Kleidung geschaffen. Im zweiten Aufzug wird den fünf heidnischen Göttern mit einem grandios singenden, von Alberto Malazzi einstudierten Chor gefrönt, der von einer wild agierenden Tanzgruppe umgeben ist (Choreografie: Gareth Mole).

Wieder besticht Camilla Nylund als großartige, lyrisch-hochdramatische Brünnhilde mit einem besonders starken zweiten Aufzug, in der ihr alle Spitzentöne bei äußerst engagiertem Spiel bestens gelingen. Klaus Florian Vogt ist ihr als Siegfried ein ebenbürtiger Partner mit viel Emotion in der Stimme und perfekter Diktion. Günther Groissböck singt mit sehr guter Theatralik seinen ersten Hagen, den er gesanglich betont, im Mittelaufzug aber auch mit einiger Finsternis anreichert. Ein gelungenes Rollendebüt! Nina Stemme gibt eine formidable Waltraute und macht die Auseinandersetzung mit Nylund zu einem Höhepunkt des Abends. Johannes Martin Kränzle ist wieder ein exzellenter Alberich.

Alexander Soddy schafft mit dem Orchestra del Teatro alla Scala einen insgesamt sehr guten Wagner-Sound, wobei immer wieder die exzellenten Hörner und Celli hervortreten. Man merkt dem Klangkörper die mit dieser Produktion offenbar weiter gestiegene Wagner-Kompetenz an.

Dr. Klaus Billand

„Götterdämmerung“ (1876) // Dritter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Teatro alla Scala