Theater an der Wien • L'opera seria Laurent Pelly und Christophe Rousset machen Gassmanns Opern-Satire zum großen Vergnügen
Lesen wir nicht in schöner Regelmäßigkeit von Turbulenzen an Opernhäusern, von Eitelkeiten, Fehlentscheidungen und chronischem Geldmangel? Nichts davon ist neu. Schon vor mehr als 250 Jahren hielten der Komponist Florian Leopold Gassmann und sein Librettist Ranieri de’ Calzabigi der Branche den Spiegel vor. Mit „L’opera seria“ schufen sie eine Oper in der Oper – ein hinreißend respektloses Schelmenstück über ein Genre, das zugleich geliebt, verehrt und totgesagt wird.
Impresario Fallito versammelt zur Probe der Opera seria „L’Oranzebe“: an seiner Seite der wortreiche Librettist Delirio und der empfindsame Komponist Sospiro. Primadonna Stonatrilla erscheint verspätet, die ‚zweite‘ Sängerin Smorfiosa laboriert an diversen Wehwehchen, Nachwuchshoffnung Porporina erklärt die ältere Generation kurzerhand für überholt, und Tenor Ritornello schwankt zwischen Größenwahn und Einfalt. Die Proben verlaufen holprig: Nach dem ersten Akt stöhnen alle über die Unzumutbarkeit des Theaterbetriebs, nach dem zweiten kämpfen die Sänger gegen die Tanzkompanie und umgekehrt; im letzten Akt dann kommt es zum Showdown: Die Vorstellung wird abgebrochen, der Impresario flüchtet, und das Sängerteam schwört sich auf ein selbstbestimmtes Künstlerdasein ein.
Gassmann (1729–1774) war ein erfolgreicher Komponist in Wien. Heute sind seine Werke mehr oder weniger vergessen. Schade, denn schnell findet man Gefallen an der Musik, die pointiert durch den Zuschauerraum klingt. Das ist sicher ein großer Verdienst des Orchesters Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset, das kraftvoll in die Instrumente greift und den Sängern jede Möglichkeit zur Entfaltung bietet. In der Koproduktion mit dem Teatro alla Scala in Mailand trifft eine geniale Regie auf hohe Sängerkunst. Schwarzgrau, Schiefer und Winterweiß sind die dominierenden Farbtöne auf der Bühne und in den Kostümen. Insbesondere Letztere schwelgen in üppigen Krinolinen, verspieltem Federschmuck, monumentalen Schleifen und kühnen Perücken. Regisseur Laurent Pelly beweist ein untrügliches Gespür für komisches Timing und pointierte Personenführung und lässt Menschen von heute in Rokokokostümen modern aussehen.
Dreieinhalb Stunden lang amüsiert sich das Publikum köstlich, lacht herzlich. Pietro Spagnoli ist ein stets händeringender Fallito mit solider Baritonstimme, Roberto de Candia und Petr Nekoranec kaspern sich in den Rollen des Komponisten und des Librettisten durch das Stück. Josh Lovell beweist nicht nur schauspielerisches Talent als Ritornello, sondern scheut auch keinen hohen Ton. Die Sopranistin Julie Fuchs lässt sich wegen einer Erkältung ansagen, bewältigt aber die anspruchsvollen Arien grandios. Die beiden weiteren Sängerinnenrollen sind mit Andrea Carroll und Serena Gamberoni exzellent besetzt. Alessio Arduini ergänzt die Sängerriege als eitler Choreograf bestens. Zu Recht jubelt das Publikum den Sängern und Musikern begeistert zu.
Susanne Dressler
„L’opera seria“ (1769) // Oper von Florian Leopold Gassmann
