Theater für Niedersachsen • Harvey Milk Reimagined Stewart Wallaces biografische Oper als starkes Statement
Zur deutschen Erstaufführung in Dortmund 1998 fand die auf eine Idee von John Dew 1995 für Houston entstandene Oper „Harvey Milk“ keinen sonderlich begeisterten Widerhall. Knapp 25 Jahre später unterzog Stewart Wallace sein dokumentarisches Bühnenwerk über den am 27. November 1978 in San Francisco ermordeten Schwulen-Aktivisten und Abgeordneten einer fundamentalen Revision. Die neue Fassung „Harvey Milk Reimagined“ wird in Hildesheim angesichts der aktuellen Gefahren für Demokratie und Menschenrechte zu einem wilden und temporeichen Bilderbogen. Das begeisterte Publikum feiert die Produktion auch als politisches Bekenntnis.
Der Videokünstler Vincent Stefan und Martin Miotk als Ausstatter setzen in zwei prall gefüllten Stunden auf inhaltsstarke Überwältigung. Sie erweitern die ikonischen Zeichen, spielen mit sexuellen Attributen und Requisiten, beschleunigen queere und heteronormative Gegensätze in einen überwältigenden Wirbel aus Formen und Farben. Die jüdische Trauerzeremonie für die Titelfigur wird als Prolog und Epilog zum apotheotischen Rahmen, aber dazwischen ist alles scharf und kantig. Die Stimme von Harveys besorgt vor Holocaust und Homosexualität warnender Mama durchschneidet die Szenen. Humaner Aktivismus und konservative Ängste wechseln, die schwule Befreiungsbewegung kommt ins Bild. Atmosphäre, Kolorit, Splitter aus der Alltagsgeschichte, Traumata aus den Verfolgungskatastrophen des 20. Jahrhunderts bilden einen audiovisuellen Cluster. Fast ungerechterweise geht das zu Lasten der tfn_philharmonie unter Sergei Kiselev, die im Farbrausch des Gesamtkunstwerks eine eigene, allerdings im Trubel nicht sonderlich deutlich bemerkbare Palette erhält.
„Mein Stern besteht aus einem gelben und einem pinken Dreieck“, singt Harvey an einer entscheidenden Stelle. Wallace kontrastiert in seiner Partitur der zwei- statt dreiaktigen und wesentlich kürzeren Fassung die Einzelnen und die Gemeinschaft. Opernchor und Extrachor (Herausforderung für den Leiter Achim Falkenhausen) werden eingesetzt, um aus der schwulen Fokussierung die allgemeingültige Konstellation herauszukristallisieren.
In der Titelpartie erhält Eddie Mofokeng den ganz großen Auftritt. Julian Rohde ist als Scott Smith kein forscher Macher, sondern der feinsinnig im Hintergrund Beobachtende. Regie und Bild setzen bei diesem Männerpaar weniger das Außerordentliche als das Allgemeine. Die gesellschaftlichen und visionären Kräfte sind reißender und stärker als die Privat-Impulse. So trumpft David Soto Zambrana in der Konfliktrolle des frustrierten Jedermanns und Mörders Dan White auf wie ein klassischer Schurke. Mario Klein, Gabrielė Jocaitė, Neele Kramer, Farrukh Pirov und Xïa Wang modellieren plastische Partien.
Der zweite Teil legt es trotz der dramatischen Zuspitzung auf das Attentat gegen Harvey auf ein Zerfließen von Raum- und Zeitstrukturen an. In jeder Sekunde ist diese Produktion ein Beweis für die phänomenale Leitungsfähigkeit eines intelligent gesteuerten Mehrspartentheaters.
Roland H. Dippel
„Harvey Milk Reimagined“ (1995/2022) // Oper von Stewart Wallace
Infos und Termine auf der Website des Theaters für Niedersachsen
