Eine grau-grüne Landschaft flimmert auf der Leinwand, Nebelfetzen ziehen auf – ist das eine Welt nach einer schrecklichen Zerstörung durch Krieg? Nach und nach zoomt die Kamera heraus, und mit jedem Schritt zurück wird das wahre Objekt erkennbar: ein Auge.

Der Produktion von Opera Aperta mangelt es nicht an starken Bildern. In einer Abfolge von Fragmenten wird das Publikum vom ukrainischen Kollektiv aus Kyjiw auf eine Reise durch Zeiten, Kriege und geografische Räume geführt. Die Klammer der einzelnen Szenen bildet Mōdraniht, die „Nacht der Mütter“ nach nordischer Mythologie am 21. Dezember. In dieser Nacht versammeln sich Menschen zu Ritualen, um das Zuhause vor dunklen Mächten zu schützen. In vielen Teilen Europas wird die Vertreibung des Winters zelebriert, so auch in dem nordspanischen Dorf Silió – mit der Vijanera. Die Reise des Musiktheaters dorthin führt über die ukrainischen Karpaten bis zum von Umweltkatastrophen schwer gezeichneten Aralsee.

Das Opernkollektiv verfügt über kein fixes Ensemble. Die Gründungsmitglieder von Opera Aperta, Roman Grygoriv und Illia Razumeiko, stellen für jede Produktion Sänger, Performer und Musiker neu zusammen – allesamt vielseitig und spartenübergreifend arbeitend und hochtalentiert. Fantastische Stimmen treffen auf leidenschaftliche Musiker, präzise Performer und einfallsreiche Lichtdesigner.

Die Musik ist größtenteils nicht melodisch im herkömmlichen Sinn, weit entfernt von den gängigen Regeln der Oper und auch vom klassischen zeitgenössischen Musiktheater. Vielmehr entsteht ein Mix aus Klängen von Schubert, Beethoven, Strauss und vielem mehr – ein bis an die Grenzen der Wahrnehmung ausgereizter Rhythmus, eine ständige Wiederholung der Wiederholung, die beinahe in Trance versetzt. Unterbrochen werden die Klangräume aus dem Orchestergraben durch Filmeinspielungen – etwa von Musikern und Dirigenten –, durch Tableaus nackter Performer und einen Artistentalk. Letzterer bleibt allerdings in seiner Wirkung bescheiden: Die Moderatorin stellt dem Publikum Fragen, das nur zögerlich antwortet. Dafür beteiligen sich die Besucher des gut gefüllten Theaters Akzent umso engagierter daran, unter Anleitung die Europahymne auf Latein zu singen. Der Karaoke-Moment begeistert sichtbar viele im Saal.

Höhepunkt des Abends ist schließlich die Vijanera, einer der ältesten Karnevalsbräuche Europas. Die Protagonisten schnallen sich mit Kuhglocken behängte Ringe um den Körper und hüpfen über die Bühne bis in den Zuschauerraum. Die körperliche Leistung ist beeindruckend, das klangliche Erlebnis für empfindliche Ohren jedoch eine Herausforderung – vor der Vorstellung wurden Ohrstöpsel verteilt. Dann verschwinden die „tapferen Helden“ im Kampf gegen die bösen Geister, versammeln sich auf einer Art Blumenwiese und greifen zu bunter Kleidung – Seifenblasen schweben zu Tausenden über die Bühne. Schließlich endet auch dieser Zauber. Die Techniker übernehmen die Bühne, bauen Mikrofone ab und schieben Kulissen hinaus. Irgendwann begreift das Publikum, dass die Musik aus dem Graben nur noch erklingt, um es in den Juni-Abend zu entlassen.

Susanne Dressler

„Mōdraniht. Songs of Winter War“ (2026) // Musiktheater von Opera Aperta

Infos auf der Website der Wiener Festwochen