An Wagner kommt man beim Baltic Opera Festival einfach nicht vorbei. Auch wenn in den letzten Jahren auch Produktionen von Puccinis „Turandot“ oder die „Salome“ von Strauss bejubelt wurden, zehrt gerade die Opera Lesna, die Waldoper von Sopot von ihrem alten Ruhm als „Bayreuth des Nordens“. Weshalb 2026 zum 150. Jubiläum der Uraufführung von Wagners „Ring“ natürlich auch hier zumindest „Die Walküre“ auf dem Programm steht. Ebenso selbstverständlich schlüpft der künstlerische Leiter Tomasz Konieczny dabei selbst in seine Paraderolle als Wotan. Eine Partie, die der polnische Bassbariton über die Jahre immer weiter verfeinert hat und der er sich nun auch bei diesem Heimspiel mit Leib und Seele ausliefert. Denn Wotan ist hier der Architekt des Dramas, das er vom ersten Takt an aufmerksam mitverfolgt.

Mit nach Sopot gebracht hat Konieczny dafür die Kopenhagener Inszenierung von Regisseur John Fulljames, deren Grundkonzept von Johanne Holten für die Waldbühne neu adaptiert wird. Geblieben ist die große hölzerne Treppe, deren Modell sich auf Wotans Schreibtisch neben einem kleinen Bonsai wiederfindet. Aber spätestens im zweiten Aufzug, den Wagner laut Libretto „in wildem Felsengebirg“ verortet, darf die eindrucksvolle Naturkulisse endgültig ihren Zauber entfalten. Zusätzlich befeuert von Lichtdesigner D. M. Wood, der dann im Finale noch einmal alle Geschütze auffährt.

Eine klar fokussierte Produktion, die sich auf Schauwerte versteht, ohne dabei die zwischenmenschlichen Beziehungen zu kurz kommen zu lassen. Davon profitiert auch das exzellent besetzte Wälsungenpaar. Stanislas de Barbeyrac darf als Siegmund einen gebrochenen Helden geben, dessen Stimme auch nach dem Wechsel ins schwere Fach noch viel von seinen lyrischen Anfängen spüren lässt. Dadurch harmoniert er quasi ideal mit der Sieglinde von Izabela Matuła, die einen italienisch geschulten Sopran ins Feld führt, der vor allem bei den Liebesschwüren im ersten Finale seine ganze Farbpalette zeigt. Für die gestählten Spitzentöne ist dagegen Stéphanie Müther als Brünnhilde zuständig. Ein neuer Name in der hochdramatischen Liga, aber bereits mit ersten Bayreuth-Erfahrungen in kleineren Partien. Aufgestiegen zur Titelheldin, überzeugt die Schweizerin vor allem durch eine warme Mittellage, die in der Todesverkündigung ebenso zum Tragen kommt wie in der großen Auseinandersetzung mit Wotan. Konieczny wächst gerade im Dialog mit seinen Partnerinnen über sich hinaus. Dies gilt nicht minder für die intensiv gestaltete Fricka von Małgorzata Walewska, die mit ihrem kurzen Auftritt nachhaltig in Erinnerung bleibt. Ebenso wie René Pape, der dem brutalen Hunding mit starker Bühnenpräsenz Gewicht verleiht.

Das Zusammenspiel von internationalen Gästen und heimischen Publikumslieblingen stand für den Künstlerischen Leiter von Anfang an im Zentrum – auf der Bühne ebenso wie im Graben, wo das Orchester der Oper von Gdańsk diesmal durch Gäste aus dem ukrainischen Lwiw verstärkt wird. Dass Wagner für die meisten von ihnen nicht zum alltäglichen Repertoire zählt, ist dank der versierten Leitung von Dirigent Axel Kober kaum zu spüren. Er weiß sein Ensemble im Dienste des Dramas immer wieder herauszufordern, behält die Zügel dabei aber stets fest in der Hand und führt die Musikerinnen und Musiker so sicher über die Ziellinie.

Tobias Hell

„Die Walküre“ (1870) // Erster Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner