Warum macht Riccardo das? Warum wirft er sich einen Königsmantel um und setzt sich Barockperücke und Krone auf? Ganz einfach: weil er es kann. Weil ihn niemand daran hindert. Den Triumphbogen als Symbol des eigenen Ruhms hat er schon in Händen, er weiß noch nicht so recht, wo er ihn hinstellen soll. Ein Machtmensch spielt mit der Welt. Aber: Jenish Ysmanov gibt mit strahlendem Tenorglanz das verspielte Kind, dem man nicht böse sein kann. Zudem ist seine Macht nicht von Dauer: Regisseurin Verena von Kerssenbrock durchzieht des Herrschers knallbunte Welt (fantastisch die Kostüme von Lilli Hartmann) mit Rissen und Brüchen, mit aschfahlen Nachtgestalten.

Die Choreografie von Rebecca Gollwitzer schafft atemraubende Bilder: Amelia wird von Geistern bedroht, bedrängt, beschützt. Der Maskenball im Finale gerät zum zirzensischen Totentanz der Hofgesellschaft – großartig intensiv gesungen und akkurat in den Bühnenboden gestampft vom Immlinger Festivalchor. Die Szene fasziniert auch durch die immense Tiefenwirkung der Bühne, mit den grandiosen Videoprospekten von Maximilian Ulrich, der die Festspiele schon vor Jahren (beim „Freischütz“ 2018) in eine neue Dimension gebeamt hat.

Groß und dunkel glühend der Sopran der Amelia, Joanna Zawartko, die ihr schönes Piano zu selten einsetzt. Unvermutet wirft sie in vielen Ensembles den Turbo an und bringt sich durch ihr Dauer-Forte um so manche Wirkung. Überwältigend ihr stimmlicher Himmelsflug über dem entfesselten Chor in den Schlusstakten der Oper. Überzeugend das Festivalorchester unter Cornelia von Kerssenbrock in all den Schattierungen dieser schwarzen Oper: zärtlich-elegisch, fahl-bedrohlich, glühend-leidenschaftlich.

Dass uns die Liebesgeschichte dieses „Maskenballs“ nicht rührt, hat viel mit Giuseppe Verdi zu tun: So charakterlich blass wie Amelia und Riccardo kommt uns kein anderes seiner Liebespaare entgegen. Man versteht nicht recht, was die beiden aneinander finden. Und wenn die Regisseurin Riccardo als selbstverliebten Möchtegern-Barockkönig inszeniert, bleibt halt ein bisschen wenig Persönlichkeit übrig. Flugs wird ein Mörder zum Sympathieträger: Dem Renato des ukrainischen Baritons Harry Hukasian gelingt das mit überzeugendem Spiel und herausragender, nie detonierender Stimmkraft, zupackend und warm.

Zentrale Spielfläche ist eine große, schräg gestellte Scheibe. Hier schießt, vom Lichtdesigner Arndt Sellentin fantastisch in Szene gesetzt, die urgewaltige Ulrica alias Guadalupe Barrientos aus dem Boden und plättet uns mit umwerfend erdiger Stimmkraft. Der Frauenchor, der sie umgibt, hat sich Augenblicke zuvor seiner Hofgesellschaftskleidung entledigt. Abrupte Kostümwechsel auf offener Szene, effektvolle Auftritte, überrumpelnde visuelle Effekte – dieser „Maskenball“ ist auch perfektes Handwerk. Und macht eine Nebenfigur zum Publikumsliebling: Die bezaubernd singende Ekaterina Protsenko-Paulsson tanzt als wildvergnügter Harlekin durchs Geschehen – Lichtgestalt in einer finsteren Geschichte.

Michael Atzinger

„Un ballo in maschera“ („Ein Maskenball“) (1859) // Melodramma von Giuseppe Verdi

Infos und Termine auf der Website des Immling Festivals