Bayreuther Festspiele • Ring 10010110: Siegfried Wagners „Siegfried“ als Versuchsballon
Der vieldiskutierte Bayreuther KI-„Ring“ ist beim „Siegfried“ angelangt. Hervorzuheben sind zunächst die drei großen Protagonisten des Abends, die wirklich in Weltklasse-Dimensionen singen und derzeit wohl kaum übertroffen werden können: Klaus Florian Vogt (Siegfried), Michael Volle (Der Wanderer) und Camilla Nylund (Brünnhilde). Ihr liegt die höhere Tessitura der „Siegfried“-Brünnhilde natürlich besser als die relativ tiefe der „Walküre“. Nylund strahlt an diesem Abend mit ihrem warmen, leuchtenden Sopran jugendlicher Hochdramatik bei ausdrucksvoller Mittellage und perfekten Höhen im Finale. Klaus Florian Vogt überzeugt immer mehr durch die vokal hochkultivierte Interpretation des Siegfried. Die ausdrucksvolle Stimme ist in jeder Lage gut geführt und sauber artikuliert, hinzu kommt eine gute Bewegungsregie. Michael Volle ist wieder ein vokal und von seiner Persönlichkeit her souveräner Wanderer. Die drei dürfen Applausstürme über sich ergehen lassen.
Alberich ist wieder Jochen Schmeckenbecher, er zeigt sich stabil und gut. Mit Gerhard Siegel als Mime steht Siegfried ein ausdrucksstarker Charaktertenor gegenüber, der über eine auch noch sehr baritonale Mittellage verfügt – ein guter Kontrapunkt also zu Vogt. Peter Rose als Fafner ist wieder ein Garant und Christa Mayer eine sehr gute, eindrucksvoll mahnende Erda. Der Waldvogel von Victoria Randem kann wegen unzureichender Diktion fast als Ausfall verbucht werden.
Christian Thielemann musiziert mit dem Festspielorchester Wagners so große und vielseitige Partitur vom Feinsten. Das ist schlicht fantastisch und bringt Riesen-Applaus. Bei allen Vorspielen bleibt der Vorhang unten und man spürt, wie sinnvoll in diesen Momenten die musikalische Vorbereitung und Konzentration auf das Kommende sind.
Im Hinblick auf den neuartigen KI-Ansatz erscheint nach dem „Siegfried“ die Sache nun relativ klar. Das Konzept kann für die Oper nutzbar gemacht werden (anders als die gescheiterten Augmented-Reality-Brillen im „Parsifal“ 2023, die sich als Augmented-Phantasy-Brillen entpuppten). Das vorliegende Erlebnis ist dennoch weit entfernt von einer wirklich brauchbaren Ausprägung; vielleicht aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen Dramaturg Andri Hardmeier, der Bilder aus Bayreuther „Ring“-Inszenierungen seit 1876 diskretionär einstellt, und dem sogenannten Digital- und KI-Storyteller Roman Senkl. Der scheint die Tetratologie entweder nicht in all ihren Details und Verwicklungen vollumfänglich zu kennen oder aber das System, das die eingegebenen Informationen algorithmisch verarbeitet und in Bildfolgen übersetzt, ist bei Weitem noch nicht so entwickelt, wie es für eine werkgerechte Opern-Interpretation erforderlich wäre. Äußerst geringe Probezeiten für diesen KI-„Ring“ hatten daran wohl ebenfalls ihren Anteil.
Was immer wieder zu beobachten ist: Sobald nach den gesondert eingestellten Szenenbildern die KI wieder beginnt mit ihren in ständigem Fluss wechselnden Bildern und Farben, läuft vieles aus dem Ruder und hat oft kaum noch etwas mit dem Stück zu tun. Wie durch Zufall passt es manchmal dann doch: Wenn der Waldvogel kommt, sehen wir mehrere Kolibris. Sehr gut gelangen im bisherigen Zyklusverlauf auch der Walkürenritt, wo man kriegslüstern stampfende Soldaten und Waffen, aber auch archaische Landschaften als Schlachtfelder sah, und das Finale der „Walküre“. Dagegen wirken manche Bilder wie Poster für eine Ausstellung moderner Malerei, absolut losgelöst vom „Siegfried“.
Das muss man ändern, verfeinern und die Künstliche Intelligenz im Hinblick auf das Stück mit entsprechend detaillierterer Information besser sensibilisieren. All das sollte aber der Sache keinen Abbruch tun, denn nicht zuletzt sind diese KI-generierten Bilder viel aussagekräftiger und faszinierender als die altbekannten ewigen Videos, die sich in unzähligen Inszenierungen und endlosen Dauerschleifen ständig wiederholen. In den letzten Jahren hat man sie bis zum Überdruss in der Opernregie und vor allem in aus dem Ufer laufenden und verfremdenden Regietheater-Produktionen erlebt. Das war bisweilen schon mehr Opernkino als Musiktheater …
Dr. Klaus Billand
„Siegfried“ (1876) // Zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
