Der regieführende Intendant Johannes Weigand vollendet seinen Dessauer Da-Ponte-Zyklus mit der „Hochzeit des Figaro“. Dafür geht es in der anheimelnden Bühnen-Ästhetik (Nancy Ungurean) und den mit einer erfundenen Historizität spielenden Kostümen (Jessica Rohm) zurück zu den Quellen eigenen Rechts. Das Schloss des Grafen Almaviva ist zunächst eine bühnenfüllende XL-Puppenstube: oben links das etwas schäbige Zimmer für Figaro und Susanna, daneben das Zimmer der Gräfin, unten die Küche und daneben ein Gelass, in das man nicht hineinsehen kann. Für die Sängerinnen und Sänger sind solche Räume ein Geschenk – man versteht aber auch jedes Wort, wenn sie im großen Saal des Schlosses und schließlich im nächtlichen Park mit den zwei Pavillons singen.

Die Inszenierung bezieht ihren Reiz aus dem Spiel mit ihrer zeitlichen Verortung und dem szenischen Witz, den Da Ponte und Mozart ihrem von Beaumarchais inspirierten „Tollen Tag“ mitgegeben haben. Den spielt Weigand aus und vertraut darauf, dass der Zuschauer sich selbst seinen Reim auf die Abgründe machen kann, die hinter der verhandelten Oberfläche lauern. Dem selbstbewusst vitalen Grafen (Kay Stiefermann) traut man durchaus auch die Gewaltbereitschaft und die aus Standesprivilegien abgeleitete, übergriffige Skrupellosigkeit zu. Die vorsichtige Dämmerung im nächtlichen Park kann man auch als Widerschein einer sich ankündigenden Erschütterung der Verhältnisse deuten.

Die präzise Personenführung erlaubt, dass man jeder Intrige dicht auf den Fersen bleibt. Weigand lässt zudem im Schulterschluss mit Dirigent Svetoslav Borisov und der ganz bei sich selbst wirkenden Anhaltischen Philharmonie seinem handverlesenen Ensemble jeden Entfaltungsspielraum für einen begeisternden Mozart.

Ania Vegry besticht als Gräfin mit Pianokultur und der Leuchtkraft ihrer verführerischen Stimme. Wenn sich ganz am Ende die Hochzeitsgesellschaft verzogen hat, sie allein zurückbleibt und ihr Blick beim Gehen plötzlich auf Cherubino fällt, dann ahnt man, was sie als attraktive Frau für Optionen hat. Verena Kronbichler macht als Cherubino auch diesen dezent hinterfragenden Schluss mit dem Habitus eines stets verführungsbereiten jungen Mannes glaubhaft. Bogna Bernagiewicz ist eine frische, jugendliche zarte Susanna, die weiß, wie sie mit ihrem bei Michael Tews schon etwas reiferen Figaro umgeht. Mit seiner vokalen Vitalität und puren Präsenz ist dieser ein Gegenspieler auf Augenhöhe mit dem Grafen. Im insgesamt typengenau besetzten Ensemble machen Joslyn Rechter und Rúni Brattaberg aus Marcellina und Bartolo ein spätes Paar, von dem man kein Wort und keine Geste missen möchte. Auch alle kleineren Rollen und der von Sebastian Kennerknecht einstudierte Chor tragen ihren Teil zum jüngsten Dessauer Mozart-Genuss bei.

Dr. Joachim Lange

„Le nozze di Figaro“ („Die Hochzeit des Figaro“) (1786) // Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart

Infos und Termine auf der Website des Anhaltischen Theaters