Die Konquistadoren sind raue Gesellen: Martialisch marschieren sie, mit starrem Blick, über die Bühne, nur ein Ziel vor Augen – Eldorado. Auf der Suche nach Gold wird die Gier zum treibenden Motor, während Humanität auf der Strecke bleibt. Die Spur der Zerstörung, die die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte hinterlassen hat, führt im nächsten Kapitel in die USA unserer Zeit. Trotz aller Wohlstands scheint niemand glücklich zu sein. Fehlender Glaube wird durch den Konsum von Opiaten ersetzt. Für den Höhepunkt der Entmenschlichung und die Auswüchse des Turbokapitalismus steht schließlich der Schlachthof. Die Brutalität, der dort Tier und Mensch in den nüchternen Räumen ausgesetzt sind, wird zum Sinnbild für die endgültige Entfremdung einer Gesellschaft von der Natur und von sich selbst.

Die österreichische Erstaufführung von „missing in cantu“ von Komponist Johannes Maria Staud und Librettist Thomas Köck spart nicht mit starken Bildern. In drei Kapiteln führt das Stück, dessen Titel nicht zufällig an eine säkulare „missa in cantu“ erinnert, durch ein Requiem auf unsere Zivilisation. Unterstützt wird die dystopische Bilderflut von der geschickt eingesetzten Drehbühne, auf der ein zerstörter Palast thront, sowie eindrucksvollen Licht- und Videoeffekten.

Den verstörenden Visionen des Untergangs setzt Staud eine farbige, vielfältige, leichtfüßige und oft beschwingte Musik entgegen. Arien und Rezitative sucht man in diesem Musiktheater vergeblich, stattdessen kommen auch Sprechpassagen zum Einsatz, die den gleichwertigen Stellenwert von Musik und Wort unterstreichen. Als Erzähler fungiert der „Seher“, der das Werk durch 15 Szenen begleitet. Der gebürtige Innsbrucker Johannes Maria Staud, seit 2018 Professor für Komposition am Mozarteum Salzburg, erweitert die klassische Orchesterbesetzung um Schlagzeug, Klavier und Hammondorgel. Besonders im Kapitel „Opioidkrise in den USA“ zeigt er seine musikalische Bandbreite – von grooviger Unterhaltungsmusik bis hin zu Madrigalen des 16. Jahrhunderts. Die eingängigen Klänge tragen wesentlich dazu bei, dass das Publikum im etwas schütter besetzten Tiroler Landestheater wohlwollend applaudiert und sich von der schweren Kost den Frühsommerabend nicht verderben lässt.

Vor allem aber sind es die in vielerlei Hinsicht geforderten Sänger und Schauspieler in der Regie von Bettina Bruinier, die überzeugen. Allen voran trägt Bassbariton Marcel Brunner als Seher so manche Szene, stimmlich bewältigt er jede Herausforderung souverän. In nichts steht ihm das „Echo“ nach: Ensemblemitglied Hazel Neighbour schwebt in einem prächtigen schwarz-weißen Kostüm durch den zerfetzten Palast und beweist große Beweglichkeit in ihrem Sopran. Tenor Stephen Chaundy und Bariton Christian Miedl geben furchteinflößende spanische Eroberer, die sowohl stimmlich als auch darstellerisch überzeugen. Herausragend gestaltet William Blake den frömmelnden Don Miguel. Auch Stefan Riedl weiß seine Rolle als drogensüchtiger Hausbesitzer eindrucksvoll darzustellen. Timothy Redmond erweist sich als überzeugender Dirigent, und sowohl er als auch das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck werden für ihre Leistung mit verdientem Applaus bedacht.

Susanne Dressler

„missing in cantu (eure paläste sind leer)“ (2023) // Musiktheater von Johannes Maria Staud

Infos und Termine auf der Website des Tiroler Landestheaters